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Mittwoch, 24. Oktober 2012

Der Ast, auf dem wir sitzen...

Seit vielen Jahren ist in der evangelikalen Christenheit ein Trend am wachsen. Es gibt eine zunehmende Abneigung gegenüber dem Studium und der Verinnerlichung biblischer Lehre zugunsten von einem vermeintlich mehr praktischen Christenleben.
Immer wieder höre ich Christen, sogar Pastoren, sagen: "Was wir brauchen ist nicht so viel Lehre, sondern mehr praktisch gelebtes Christsein."

Die Haltung kommt zum Beispiel zum Ausdruck, wo Predigten verlangt oder gehalten werden, die weniger Erklärung des Biblischen Textes, seiner Bedeutung und seines Zusammenhangs enthalten und stattdessen eine Aneinanderreihung von Erlebnissen und Geschichten sind.
Hausbibelkreise sind ebenfalls meist nur Austauschrunden, in denen man seine persönlichen Erfahrungen zum Besten gibt.
Wir finden denselben Trend auch, wenn wir in Christliche Buchkataloge oder Buchhandlungen schauen: es gibt da kaum mehr Bücher über Themen wie z.B. Rechtfertigung, Heilssicherheit, Dreieinigkeit, Sünde, usw. oder Auslegungen biblischer Bücher. Stattdessen wimmelt es von Ratgebern für alle möglichen Bereiche des alltäglichen Lebens wie z.B. Umgang mit Geld, Eltern mit schwierigen Kindern, Management, Gesprächsführung, Mitarbeiterführung, usw. all dies mit dem Anspruch, aus Christlicher Perspektive zu sein.

Das Stichwort ist  "praxisorientiert". Lehre wird als anstrengend und für das tägliche Leben als Christ irrelevant angesehen, praktische Ratgeber dagegen als lebensnah und hilfreich.

Wenn wir diesen Trend kritisieren, darf es natürlich nicht darum gehen, gegen ein gut und richtig praktiziertes Christenleben zu reden.
Wir könnten genauso gut den Fehler machen, dass wir zu verstehen geben, man müsste nur die richtige Lehre im Kopf haben, es sei dabei egal, wie man praktisch lebt.
Die Bibel gibt uns klar zu verstehen, dass ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird. Das Streben nach einem guten, vom Heiligen Geist geprägten und geführten Christenleben ist unverzichtbar.

Worum es mir geht, ist zu zeigen, dass wir das eine nicht ohne das andere haben können.
Mit anderen Worten: es gibt kein praktisches (gutes, richtiges) Christenleben ohne eine gründliche Lehrgrundlage.
Wer sogenannt "praktisches Christsein" gegen eine Betonung und Pflege der Lehre ausspielt, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt. Und er ist etwas kurzsichtig in seinen Aussagen, er widerspricht seiner eigenen Lebenshaltung.

Niemand, der einen Arzt aufsucht, möchte, dass der Arzt in der Weise praxisorientiert ist, dass er nicht viel von der Lehre der Medizin hält. Im Gegenteil, je besser dieser sein Fach studiert hat, desto besser kann er helfen. Ich bin froh, wenn ich mit Schmerzen in der Nierengegend zum Arzt gehe, wenn dieser nicht einfach mal ein Skalpell nimmt, mich aufschneidet und nachsieht, was er da finden kann. Ich wäre froh, wenn er ein möglichst breites Wissen über die Funktionen und Krankheiten des menschlichen Körpers hat, das er ständig erweitert, indem er sich in seinem Fach weiterbildet – also seiner praktischen Arbeit viel Lehre zugrunde legt.
Niemand, der Auto zum Mechaniker bringt, will, dass dieser einfach daran rumschraubt, ohne ein gutes Fachwissen zu haben, das er ebenfalls ständig pflegt. Ich wähle mit Vorzug einen Mechaniker, der so gut gelehrt ist, dass er mir auch noch erklären kann, wie gewisse Teile meines Autos funktionieren und wie ich damit fahren kann, dass mein Auto optimal läuft und lange hält.

Jeder Beruf und jeder Lebensbereich 'funktioniert' nach bestimmten Gesetzen oder theoretischen Grundlagen. Man kann überhaupt nur gut sein im Leben oder im Beruf, wenn man diese Grundlagen, bzw. Gesetze, gut kennt und sie in der Praxis berücksichtigt.

Das ist im Christenleben besonders wichtig. Wo es beim Auto nur um materielle Teile geht, die kaputt gehen können, und wo es in der Medizin 'nur' um den Körper geht, der Schaden nehmen kann, geht es in der Theologie, in der Christlichen Lehre, um das ewige Leben.
Wenn sich hier Fehler einschleichen, hat das ewige Konsequenzen.
Deshalb sind der Herr Jesus und die Apostel so bemüht, uns die richtige Lehre zu bringen, sie von der falschen zu unterscheiden.

Jesus selbst hat sehr viel gelehrt. Er hatte nicht nur mit den Schriftgelehrten lange Diskurse, sondern hat auch seine Jünger darin geschult, ihre Bibel zu verstehen, sie richtig auszulegen und falsche Lehre zu verurteilen.
Die Apostel haben dieses Beispiel übernommen. Ihre Briefe bestehen zum grössten Teil aus Lehrgrundlagen. Sicher, sie enthalten viele praktische Anweisungen. Aber die meisten ihrer Briefe beginnen mit grundsätzlichen Belehrungen über Gott, den Menschen, die Sünde, Christus, und erst dann kommen die daraus folgenden Anleitungen zur Umsetzung des Gelernten.

In der gleichen Weise muss unser Christenleben gelebt werden.
Wir werden Christen, indem wir gelehrt werden: Wer Gott ist, wer wir als Mensch sind, warum wir Christus nötig haben, was er für und getan hat und tut, wie wir in seine Gemeinschaft kommen und darin bleiben können, usw. dann versuchen wir, als Christen Gottes Willen gemäss zu leben. Wir machen Fehler, verstehen Dinge falsch, fallen in Sünde oder verzweifeln an unseren Unzulänglichkeiten. Was tun wir dann?
Wir gehen zurück zur Lehre und versuchen, sie noch besser zu verstehen. Nur das wird uns schliesslich helfen, besser praktisch zu leben.

Lehre ist nicht nur die Theorie über christliche Dinge im Kopf, sondern sie ist auch Nahrung für den Geist. Sie stärkt uns und macht uns fit für das Leben.
Die gute Lehre ist der Nährboden, aus dem unser geistliches Leben genährt wird. Falsche Lehre ist wie Gift, das dem Leben schadet.
Ein guter Baum bringt gute Frucht. Aber ein guter Baum, der in einem schlechten oder verseuchten Boden steht, wird nicht nur keine gute Frucht bringen (sprich gutes, praktisches Christenleben), sondern wird eingehen und sterben.

Wenn wir diese Dinge bedenken, müssen wir da nicht einsehen, dass wir uns eigentlich gar nicht zu viel mit der Lehre beschäftigen können?
Schliesslich müssten die Leute, die "praktisches Christenleben" gegen fleissiges Studium der Lehre biblischer Themen ausspielen wollen, zugeben, dass sie damit auch etwas lehren.
Sie lehren falsch. Sie behaupten eigentlich, man müsse nicht den ganzen Ratschluss Gottes kennen, um nach Gottes Willen zu leben.
Damit bereiten sie den Boden für Lehren von Menschen, die nicht Christus entsprechen. Sprich: Irrlehre.
Wenn uns das bewusst wird, dann werden wir erkennen, dass kein Weg daran vorbei führt, dass wir uns als (normale) Christen fleissig und regelmässig mit Lehre beschäftigen müssen. Wir werden dann immer mehr erkennen und wissen, was wir glauben und warum wir es glauben. Das wird zu einem guten und richtigen praktischen Christenleben führen.


Freitag, 9. März 2012

Wann ist es Zeit, (m)eine Gemeinde zu verlassen?

Wir leben in einer Zeit, in der viele Kirchen und kirchenähnliche Gemeinschaften nicht mehr bemüht sind, eine biblische Form des Gemeindelebens zu suchen. Stattdessen suchen sie sich an vielen anderen, meist menschlich erdachten Vorlagen und Mustern zu orientieren. Ebenso ist ein großer Mangel an biblischer Lehre festzustellen. Die Wortverkündigung leidet, bzw. wird ersetzt durch Motivations-Talks und Mitteilungen über persönliche Erfahrungen und 'Einsichten'. Biblische Leiterschaft mutiert zu einem von der Business-Welt geprägten Führungs-Management.

Bei Christen, die noch nicht vergessen haben, dass der Glaube unverzichtbar auf dem Wort Gottes und den darin gegebenen Verheißungen gegründet ist, kann die Überlegung auftreten, sich auf die Suche nach einer entsprechenden Gemeinde zu machen.

Ich habe öfters erlebt, dass sich Christen mit der Frage an mich wandten, ob ich es für ratsam halte, dass sie ihre Gemeinde verlassen würden. Allerdings musste ich auch beobachten, wie Christen, die mit ihrer Gemeinde unzufrieden waren, aus Gründen weggingen, die gemäß meiner Bibelkenntnis einen solchen Schritt nicht rechtfertigen.

Im folgenden Artikel gehe ich auf die Frage ein: Wann ist es Zeit, die eigene Gemeinde zu verlassen? Gleich zu Beginn will ich eine Kurzantwort geben: Vermutlich liegt der Zeitpunkt viel später, als es dir lieb ist! Meine Ausführungen wollen nicht eine allgemein verbindliche „Richtschnur für das rechtzeitige Verlassen einer unbiblischen Gemeinde“ geben. Eher ist es als ein Denkanstoß gedacht, der auf pastoralen Erfahrungen und Gespräche beruht, aber jeweils auf die individuelle Situation angewendet werden muss. Tatsächlich sind die Situationen, mit denen wir konfrontiert werden, dermaßen unterschiedlich, dass man die hier behandelte Thematik nicht anhand eines Punkte-Schemas abwickeln kann. Es ist ratsam, sich bei der Beantwortung dieser Frage nicht zu überhasten, sondern sich Zeit zu lassen und sich auch mit reifen geistlichen Personen zu beraten.

In der Hoffnung, dass die folgenden Ausführungen dem einen oder dem anderen eine Hilfe bieten, nicht zuletzt auch die eigenen Motive zu überprüfen, um dann die richtige Entscheidung zu treffen, seien sie hier gegeben.

Unzureichende Begründungen

Viele Gründe, die Christen anführen, um das Verlassen ihrer Gemeinde zu rechtfertigen, halte ich für unzureichend oder nicht für legitim. Oft ist sogar die Motivation von der Haltung geprägt, sich nicht wirklich der Leitung der Gemeinde unterordnen zu wollen. Zum Beispiel war einmal ein Mann nicht einverstanden mit einem Beschluss, den die Gemeindeleitung nach längerem Beraten getroffen hatte. Er sagte daraufhin: „Wenn ihr das so macht, dann muss ich mir überlegen, ob Gott mich an einem anderen Ort haben möchte.“

Die häufigsten Begründungen, die ich von Geschwistern zu hören bekam, wenn sie ihre Gemeinde verlassen wollten, basierten mehr oder weniger auf Geschmacks- oder Empfindungsfragen: Ich fühle mich einfach nicht mehr wohl; die Atmosphäre ist so kühl; es herrscht so wenig Freude. Das alles sind zweifellos wichtige Aspekte beim Miteinander von Christen. Aber wenn man solche Punkte anspricht, ist eine gehörige Portion Selbstprüfung und Selbstkritik angesagt. Zum Beispiel wird man sich selbst die Frage zu stellen haben, was man denn selbst zu einer freudigen und liebevollen Atmosphäre beigetragen habe und beitrage.

Gott hat uns in eine Gemeinde gestellt, nicht in erster Linie damit wir es schön haben, sondern damit wir in das Bild seines Sohnes verändert werden. Dazu gebraucht er auch schwierige Umstände und problematische Geschwister. Indem wir uns darin üben, auch die Schwierigen zu lieben, lernen wir, wie Gott zu lieben. Wir können davon ausgehen, dass eine Gemeinde, in der der Herr der Arzt ist, viele „Kranke“ beherbergt. In gewisser Weise bleiben wir „krank“, solange wir in diesem Leib auf dieser Erde leben. Somit sollte es uns nicht überraschen, wenn auch die Gemeinde etwas von dieser Unvollkommenheit widerspiegelt.

Je länger wir in einer Gemeinde mit anderen Menschen zusammen sind, desto deutlicher werden uns deren Schwächen. Eine solche Erkenntnis sollte uns ebenfalls nicht veranlassen, davonzulaufen. Vielmehr sollte sie uns ins Gebet um Heiligung treiben. Anstatt zu sagen, „Herr, ich halte diese schwierigen Typen nicht mehr aus, lass mich weggehen!“, sollten wir flehen: „Herr, ich habe einen solchen Mangel an Liebe für meine Geschwister. Lehre mich zu lieben, wie du liebst!“

Ein anderer, häufiger Beweggrund abzuwandern, kommt in der Klage zum Ausdruck: „Die Form des Gottesdienstes spricht mich einfach nicht an! Es ist langweilig, es ist immer dasselbe!“ R.C. Sproul stellte dazu einmal die Frage: „Kann ein Ort oder ein Anlass, in dem der dreieinige Gott anwesend ist, langweilig sein?“ Unser Herr lehrt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt. 18,19).

Vielleicht haben wir, wenn wir uns im Gottesdienst langweilen, uns die Frage zu stellen: Weiß ich wirklich, dass Gott hier anwesend ist? Bin ich hergekommen, um ihm zu begegnen oder um unterhalten zu werden?

Es ist meine Verantwortung, mich stets darum zu bemühen, Gott zu suchen. Zum Beispiel kann ich das dadurch tun, dass ich mich auf den Gottesdienst innerlich vorbereite. Auch gut ausgeschlafen zu sein, ist sinnvoll. Bin ich überhaupt bereit, mich auf die Predigt einzulassen, mitzudenken?

Manchmal liegt die Unzufriedenheit mit dem Gottesdienst auch daran, dass die Verantwortlichen es versäumen, meine Lieblingsthemen zu bringen. Leider musste ich schon mehrfach hören, dass jemand sich deswegen eine andere Gemeinde suchen wollte, weil bestimmte Themen, die ihm wichtig erschienen, in den Predigten zu kurz kamen oder völlig übergangen wurden.

Nehmen wir einmal an, ich gelange zu einer Einsicht, die mich geistlich sehr voranbringt. Es kann sein, dass ich diesen Punkt dann als so wichtig einstufe, dass ich mich in die Überzeugung verrenne, die gesamte Gemeinde oder gar die gesamte Christenheit müsse das nun schleunigst ebenfalls erkennen.

Es ist zweifellos zutreffend, dass Themen, die wichtige Wahrheiten beinhalten, in Gemeinden gelegentlich zu kurz kommen. Es ist auch zweifellos gut und hilfreich, wenn sie in einer ausgewogenen Weise zur Sprache gebracht werden. Aber nur aus dem Grund eine andere Gemeinde suchen zu wollen, weil in der gegenwärtigen Gemeinde nicht die Themen im Zentrum stehen, die mir persönlich gerade wichtig geworden sind, ist falsch. Suchen Sie doch stattdessen das Gespräch mit den Hirten der Gemeinde! Sagen Sie ihnen, was Ihnen wichtig ist, und stellen Sie die Frage, ob man nicht einmal dieses oder jenes Thema ausführlicher behandeln kann. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn man nicht sofort auf Ihr Anliegen eingeht! Die meisten Pastoren und Ältesten, die ich kenne, sind tatsächlich bemüht, die Lehrthemen in der Gemeinde so auszuwählen, dass die Gemeinde insgesamt eine ausgewogene Kost bekommt. Vergessen wir nicht: Es kann durchaus auch anmaßend sein, als einzelner wissen zu wollen, was für jeden in der Gemeinde gerade jetzt wichtig ist.

Ein weiterer Grund, eine Gemeinde verlassen zu wollen, kann der Umstand sein, dass der Pastor in bestimmten Fragen eine andere Sicht vertritt als man selbst. Ich denke hier nicht an zentrale Lehren des Heils oder Fragen, die die Person Christi betreffen. Darauf kommen wir später. Ich meine eher Fragen des praktischen Christenlebens oder Ansichten über Bibelabschnitte, die zweifellos gewisse Auslegungsspielräume zulassen.

Ich kann mich noch gut entsinnen, wie enttäuscht ich war, als ich erkannte, dass mein erster Pastor, den ich sehr schätzte, keine pazifistische Einstellung hatte, wie ich sie damals vertreten zu müssen meinte, oder dass er das Buch der Offenbarung an gewissen Stellen anders auslegte als ich es für richtig hielt.

Solche Unterschiede stellen eher Herausforderungen dar, einmal ins Gespräch miteinander zu kommen, einander zuzuhören, um einander besser zu verstehen. Aber ein Pastor, der nicht in jedem Punkt meine Ansichten teilt, ist sicher kein Grund, eine Gemeinde zu verlassen.

Ich könnte noch vieles aufzählen, das mir im Laufe der Jahre begegnet ist. Ich denke an diverse persönliche Auseinandersetzungen, Unterschiede in der Ansicht, wie die Gemeinde zu führen sei, wie gewisse Anlässe zu organisieren seien, usw. Vielfach ist sogar schlicht nur Unversöhnlichkeit der Grund für jemanden, seine Gemeinde zu verlassen. Das kann häufig nicht offen gesagt werden, also tarnt man es durch vorgeschobene Gründe.

Zusammenfassend möchte ich noch einmal dazu aufrufen, sehr wachsam und skeptisch gegenüber den eigenen Erwartungen und Empfindungen zu sein. Ich habe einmal eine Gemeinde erlebt, aus der innerhalb weniger Jahre mehr als 50 Geschwister weggingen. Verschiedene kamen in diesem Zeitraum auch hinzu, sind dann aber nach einiger Zeit ebenfalls wieder gegangen. Die Begründungen für das Weggehen waren durchaus unterschiedlich, zum Teil gegensätzlich. Aber alle hatten damit zu tun, dass man überzeugt war, die empfundenen Bedürfnisse würden nicht richtig erkannt und bedient werden. Sie kämen in der Gemeinde nicht „auf ihre Kosten.“ Es waren keine wirklich biblisch begründeten Abgänge. Das sollte uns nachdenklich machen. Es sollte uns vorsichtig machen, wenn wir selbst vor der Entscheidung stehen, ob es richtig ist, sich eine neue geistliche Heimat zu suchen.

Legitime oder zwingende Gründe

Auf der anderen Seite gibt es Gründe, die es rechtfertigen, ja gegebenenfalls sogar zwingend erforderlich machen, eine Gemeinde zu verlassen und eine andere zu suchen. Noch einmal: Ich behaupte, es gibt weniger Gründe, einen solchen Schritt zu tun, als uns möglicherweise lieb ist. Vielleicht kann man es folgendermaßen auf den Punkt bringen: Angemessene Gründe, eine Gemeinde zu verlassen, sind dieselben Gründe, die eigentlich Gemeindezucht erforderlich machen würden.

Das heißt konkret: Wenn der Pastor und/oder die Hirten der Gemeinde auch nach wiederholten Hinweisen durch zwei oder mehr Zeugen an unbiblischer Lehre und/oder schriftwidriger kirchlicher Praxis festhalten, entspricht es dem Wort Gottes, eine solche Gemeinde zu verlassen.

Wir können uns bei der Frage, was falsche (und somit sündhafte) Lehre ist, an der Geschichte der christlichen Kirche orientieren. In den großen Lehrstreitigkeiten, aus denen die diversen Bekenntnisse hervorgegangen sind, hat im Kern die Kirche entweder unbiblische Auffassungen in der Lehre über Christus (Christologie) oder in der Lehre über die Erlangung des Heils (Soteriologie) verurteilt.

Es kann deutlich sein, dass die historischen Bekenntnisse, also zum Beispiel das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Athanasianum, das Bekenntnis von Chalcedon, der Heidelberger Katechismus oder das Westminster Bekenntnis die gesunde biblische Lehre bekennen. Wenn Prediger Inhalte lehren, die diesen überkommenen Bekenntnissen eindeutig widersprechen, verkünden sie Unbiblisches.

Neben unbiblischer/falscher Lehre ist auch unbiblische kirchliche Praxis ein berechtigter Grund, eine Gemeinde zu verlassen. Wenn zum Beispiel offensichtliche Sünden, also Verhaltensweisen, die in der Bibel unzweideutig als Übertretungen verurteilt werden, bei Gemeindegliedern bekannt sind und geduldet werden, macht sich die Gemeinde insgesamt dieser Sünde teilhaftig. In diesem Fall ist es geboten, zu intervenieren. Gemäß der Anweisung von Matthäus 18,15-17 hat man die Sache anzusprechen; gegebenenfalls mehrfach und unter Zeugen. Wenn die Verantwortlichen der Gemeinde sich weigern, gegen bekannte Sünden vorzugehen, muss der Gemeinde die Gemeinschaft versagt werden, und man sollte gehen.

Ein Beispiel von schriftwidriger gemeindlicher Praxis ist gegeben, wenn Frauen gemeindeleitende Ämter beanspruchen oder gar als Pastorinnen predigen. Derartiges ist in der Heiligen Schrift eindeutig untersagt. Einer Gemeinde, die eine solche Praxis akzeptiert, und trotz mehrfacher Ansprache und Ermahnung daran festhält, sollte man die Gemeinschaft versagen.

In diesem Zusammenhang sei angemerkt: Im Fall, dass man aufgrund des Wortes Gottes keine andere Möglichkeit sieht, als die Gemeinde zu wechseln, sollte man sich nicht heimlich davonstehlen. Vielmehr sollten wir die falschen Lehren oder die Sünden beim Namen nennen. Dabei sollte auch genügend Zeit eingeräumt werden, dass eine Einsicht erfolgen kann, so dass Umkehr möglich ist. Aber im Fall, dass die Verantwortlichen in ihrer falschen Haltung oder Lehre beharren, sollte man seinen Weggang offen kundtun und begründen.

Wohin soll ich gehen?

Wir können (oder müssen) vielleicht eine Ortsgemeinde verlassen. Aber wir können und dürfen nicht die weltweite Gemeinde/Kirche Jesu Christi verlassen. Folglich sind wir dazu aufgerufen, wieder verbindlich an einer lokalen Gemeinde Anschluss zu suchen. Dazu möchte ich einige Richtlinien geben.

Zuerst ist hier auf die Kriterien zu weisen, die bereits in der Zeit der Reformation als Kennzeichen für eine wahre Kirche erkannt worden sind. Bei der Suche nach einer neuen Gemeinde sollte für uns bestimmend sein: rechte (schriftgemäße) Verkündigung des Wortes Gottes, rechte Verwaltung der Sakramente (Taufe und Abendmahl) und die Bereitschaft der Gemeindeleitung, gegebenenfalls Gemeindezucht zu üben. Von daher können Antworten auf folgende Fragen uns leiten: Werden in der Gemeinde Gottesdienste so gefeiert, dass in ihnen das Wort Gottes im Zentrum steht? Wird in den Predigten die Heilige Schrift ausgelegt und erklärt? Sind die übrigen Elemente des Gottesdienstes (zum Beispiel Loblieder, die gesungen werden) am Wort Gottes orientiert? Wird darauf geachtet, dass Gott in allem geehrt wird? Gibt es eine Gemeindeleitung, die sich in ihren Entscheidungen an den Aussagen der Bibel verbindlich orientiert? Gibt es überhaupt ordentlich eingesetzte Leiter, Älteste, Pastoren, die der ganzen Gemeinde bekannt sind? Sind diese Ältesten/Pastoren bemüht, die Gemeindeglieder zu kennen und sie geistlich durch das Wort der Wahrheit zu nähren und Hilfestellung im geistlichen Wachstum zu geben?

Gehen Sie ruhig im Anschluss an ein oder zwei 'Schnupperbesuchen' auf die Leiter der Gemeinde zu und erkundigen Sie sich bei ihnen. Es ist gut, wenn die Verantwortlichen ihrerseits Sie bald danach fragen, aus welcher Gemeinde Sie kommen und warum Sie dort nicht länger bleiben können/wollen. Seien Sie nicht beleidigt, wenn genau nachgefragt wird, Ihnen gewissermaßen „auf den Zahn gefühlt“ wird! Dieses zeugt von einem verantwortungsvollen Wahrnehmen des Hirtendienstes.

Wenn Sie sich entscheiden, sich einer solchen Gemeinde anzuschließen, nehmen Sie eine demütige Haltung ein! Ordnen Sie sich unter! Halten Sie sich zurück, gleich da und dort mitmischen zu wollen! Fragen Sie sich, wo sie im Kleinen dienen und Treue üben können! So wie Sie selbst Zeit brauchen (oft viel länger, als man vermutet und einem lieb ist), sich an einem neuen Ort zurecht zu finden und alles kennen zu lernen, benötigen die Gemeinde sowie die Gemeindeleiter Zeit, Sie kennenzulernen.

Ein Gemeindewechsel ist, wenn er ordentlich vonstatten geht, keine Kleinigkeit. Er geht mit vielen schmerzhaften Prozessen einher, mit zeit- und kräfteraubenden Gesprächen und Entscheidungen. Derjenige, der eine Gemeinde verlässt, ist häufig durch große Enttäuschungen hindurchgegangen. Er ist dann vielleicht voller Hoffnungen und Erwartungen und allzu oft auch voller Illusionen in Bezug auf die „neue“ Gemeinde. Seine Vorstellungen, was dort alles besser sein wird, was er alles erreichen und gewinnen kann, sind nicht selten überzogen. Das mag zu Ernüchterungen führen. Bei einem Gemeindewechsel werden auch immer bisherige menschliche Beziehungen auseinander gerissen. Neue müssen aufgebaut werden. Das alles ist kein Sonntagsspaziergang, und es ist sinnvoll, sich das vorher klar zu machen.


Donnerstag, 10. Juni 2010

VerkündigerINNEN und die Theologie des Selbst

Ach, mein Volk, seine Antreiber sind Mutwillige, und Frauen beherrschen es. Mein Volk, deine Führer sind Verführer, und den Weg, den du gehen sollst, verwirren sie. (Jesaja 3:12)

Ich muss im Rahmen meiner Tätigkeit immer wieder Predigten lesen, die von Frauen gehalten wurden. Dabei fällt mir regelmässig etwas auf, das in mir den Verdacht aufkommen lässt, dass sich heute wieder das abspielt, was Jesaja schon beklagte.

Ich halte es für biblisch nicht haltbar, dass Frauen ein gemeindeleitendes Amt innehaben oder auch einer gemischt-geschlechtlicher Gemeinde predigen. Diese Überzeugung kommt nicht daher, dass ich meinte, Frauen könnten die Bibel nicht genügend gut verstehen (sie lesen sie einfach nicht aufmerksam genug, denn sonst würden sie nicht predigen wollen) oder dass sie nicht so gut wie Männer predigen könnten. Diese Überzeugung habe ich aus den entsprechenden Anweisungen des Apostels in den Pastoralbriefen.

Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die predigenden Frauen doch auf ganz bestimmte Themen abfahren, die sie auf unbiblische Weise darlegen und damit das Volk Gottes (diejenigen davon, die sich das gefallen lassen) in die Irre führen.
Eines der Themen, das immer wieder in weiblichen Predigten (ein Oxymoron) auftaucht, ist die Begriffsgruppe "Selbstliebe, Selbstvertrauen, Selbstwert" etc. - Die Lehre, dass wir Christen ein besseres Bild von uns selbst bekommen dürften/sollten, ist eine Plage im Evangelikalismus, die kaum totzukriegen ist. Dass dabei die Ehre Gottes vermindert wird und Gott zu einem Diener unserer Bedürfnisse degradiert wird, bemerkt kaum einer.

Die christlichen Männer - wenn es denn noch ein paar übrig hat - sollten dringend aufstehen und ihren verkündigenden Frauen das Handwerk legen. Gemeindeleiter sollten der Unsitte, ihren Schwestern die falschen Plätze zu überlassen, ein Ende bereiten und wieder selber biblisch leiten. Pfarrer und Pastoren sollten das biblische Wort verkündigen, so wie es Gott uns anvertraut hat - mit allen Ecken und Kanten. Anstatt dass sie sich der Feminisierung der Kirche immer weiter beugen, nur aus Angst wegen politischer Inkorrektheit ins Schmuddel-Eggli verbannt zu werden.
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Samstag, 13. Februar 2010

Lehre oder Leere?

Wie hoch ist der Stellenwert der Lehre in der Kirche einzuschätzen? Ist es möglich, dass wir die Lehre in unseren Gemeinden überbetonen und dabei das viel wichtigere "praktische Christsein" im Alltag vernachlässigen? So jedenfalls argumentierte kürzlich ein Pastor einer Freikirche, als ich ihm gegenüber erwähnte, dass ich die Lehre und Verkündigung als das zentrale Element für das geistliche Wachstum und das Leben der Gemeinde halte. Er war der Ansicht, es käme zu viel Lehre, zu viel Theologie von den Kanzeln und zu wenig Anleitung zum praktischen Leben. Dieser Pastor steht bei weitem nicht allein mit seiner Ansicht. Sie ist sogar weit verbreitet und hat längst die Orientierung vieler evangelikaler Gemeinden geprägt. Gesunde Lehre in Form von gründlicher Auslegung der Bibel und Vermittlung biblischer Wahrheit wird als trockene Theorie empfunden und einer farbenfrohen, mit Beispielgeschichten verzierten Anleitung zu einem gelingenden Leben gegenübergestellt.

Ich sehe zwei Probleme bei dieser Ausrichtung. Erstens kann man nicht die Lehre und das praktische Christenleben gegeneinander halten, als wären sie zwei Dinge, die im Widerstreit miteinander stehen. Zweitens werden wir, wenn wir uns – aus welchen Gründen auch immer – gegen eine gründliche Darlegung der biblischen Wahrheit in der Gemeinde wenden, uns selber den Boden unter den Füssen wegziehen.
Es ist sicher niemals falsch, Wege zu suchen, wie wir (ganz praktisch) ein Leben führen können, das Gott Ehre und uns selbst Freude macht. Das ist ja das Ziel des christlichen Lebens, wie es auch der Westminster Katechismus lehrt. Nur werden wir das ganz sicher nicht zustande bringen, wenn wir dabei ein gründliches Studium der Bibel vernachlässigen und damit den Wagen vor das Pferd spannen.
Ich möchte im Folgenden anhand einiger Beispiele demonstrieren, wie sehr das Neue Testament die gute und richtige Lehre als Grundlage für ein Gott gefälliges Leben betont.

Der Sohn Gottes ist gekommen, um an unserer Stelle ein gerechtes Leben zu leben und um unsere Sünde und die göttliche Strafe dafür zu tragen. Die Zeit seines öffentlichen Auftretens war aber vor allem eine Zeit, in der er die Menschen, allen voran seine Jünger, lehrte.
Der Evangelist Markus berichtet, dass Jesus die vielen Menschen sah, die ihm gefolgt waren und dass sie ihm leid taten, weil sie wie Schafe waren, die keinen Hirten haben. Was unternahm er? "Er fing an, sie vieles zu lehren" (Mk 6:34).
Die Evangelien berichten, neben den Wundern, die Jesus tat, hauptsächlich über seine Lehrtätigkeit. Er lehrte mit Vollmacht, so das Urteil seiner Hörer. Seine Wunder waren Zeichen, die seine Lehre bekräftigten. Jesus lehrte seine Zeitgenossen die Wahrheit über Gott, den Menschen, über die Sünde und das Heil. Das tat er in verschiedensten Situationen. In der Synagoge, im Tempel, im Freien vor grossen Menschenmengen, in Streitgesprächen mit Theologen und Fundamentalisten seiner Zeit und mit den Jüngern allein.
Wenn das neue Testament über solche Anlässe berichtet, ist die Betonung auf der Lehre Jesu. Sehr oft geht es sogar um die genaue Unterscheidung von richtiger und falscher Lehre, falscher und richtiger Auslegung des Alten Testaments. Zum Beispiel in Streitgesprächen mit Gesetzesgelehrten über Fragen der Ehescheidung, der Auferstehung oder der Typologie bei David. Oder als er in der Bergpredigt über die traditionelle Auslegung des Gesetzes spricht und seine richtige Auslegung der Texte entgegen hält. Dabei konnte der Herr jeweils sehr wohl ins Detail gehen.
Sicher spricht Jesus oft über das praktische Leben zu Gottes Ehre. Aber er stützt dies immer auf das richtige Verständnis des Wortes Gottes ab. Wenn wir das Neue Testament unvoreingenommen lesen, können wir niemals sagen, dass der Herr Jesus ein praktisches Christenleben der Lehre gegenüber stellt. Jesus lehrte die Menschen, damit sie leben können.

Der Apostel Paulus, der grösste Missionar aller Zeiten, war gleichzeitig der grösste Theologe aller Zeiten. Es gab vielleicht keinen anderen, der sein Leben so (ganz praktisch!) in den Dienst für das Evangelium stellte. Wir sehen bei ihm, dass er sehr darauf achtete, ein gutes Leben zu führen und zur Freude und Erbauung anderer Menschen da zu sein. Es war ihm sehr wichtig, darin auch ein Vorbild für andere zu sein.
Aber gerade bei ihm sehen wir wie bei keinem anderen, dass er dieses gute Leben auf einer gründlichen und genauen theologischen Lehre gründete.

Wir sehen das bereits, wenn wir nur die Struktur seiner Briefe anschauen. Wir finden bei Paulus wohl vieles an Ermahnung und Anleitung in ganz alltäglichen Bereichen des Christseins. Aber sie sind von der Menge her geringer als die mehr 'theoretische' Lehre und stehen jeweils im hinteren Teil seiner Briefe. Im Römerbrief zum Beispiel fängt die praktische Anleitung erst im zwölften Kapitel an. Im Galaterbrief im fünften, im Epheserbrief im vierten Kapitel, usw. Auch in den Briefen, die nicht so eine klare Aufteilung haben, stellt der Apostel die theologische Wahrheit der Ermahnung oder Anleitung voran.
Regelmässig zeigt er den Indikativ (in der Grammatik die Wirklichkeitsform, die eine bestehende Tatsache beschreibt) des Heils und hängt dann den Imperativ (Befehlsform) daran. In Worten sieht das jeweils so aus, dass er sagt: "Weil…[es so ist - Lehre], deshalb…[tut dies oder das – praktische Anleitung]". Die Lehre hat also Priorität gegenüber der praktischen Ausübung.

Paulus weist seinen Nachfolger Timotheus an, es ebenso zu tun. Er weist ihn an, auf die Lehre Acht zu haben (1Tim 4:16) und die Wertschätzung der Lehre zu fördern:

Die Ältesten, die ihr Amt gut versehen, seien doppelter Anerkennung wert, besonders die, die in Verkündigung und Lehre ihr Bestes geben (1Tim 5:17).

Der Apostel ermahnt seinen jungen Nachfolger mehrfach, sich für die Erhaltung der rechten und gesundmachenden Lehre einzusetzen. Auch dann, wenn es einigen nicht gefällt und sie lieber Geschichten hören wollen, die nicht allzu sehr herausfordern.
Auch der Gemeindeleiter Titus erhält die gleichen Anweisungen, sein Augenmerk vor allem auf die Lehre zu halten. Besonders dann, wenn er in der Gemeinde weitere Leiter einsetzt:

Er muss am Wort festhalten, das zuverlässig ist und der Lehre entspricht, damit er imstande ist, sowohl durch gesunde Unterweisung zu ermahnen als auch die Widerspruchsgeister zu überführen (Tit 1:9).

Geistliche Leiter der Gemeinde sollen hauptsächlich deshalb in der Lehre zu Hause sein, weil sie durch die Lehre die Gemeinde leiten, den Gläubigen dadurch helfen, in ihrer Erkenntnis der Wahrheit zu wachsen. Wenn sie in der Lehre wachsen und standfest darin werden, dann werden sie entsprechend besser zu Gottes Ehre leben können.

Paulus schreibt in Römer 6:17, dass die Gläubigen nicht mehr Sklaven der Sünde sind (und ihr nicht mehr dienen müssen), sondern dass sie "dem Bild der Lehre übergeben worden sind", der sie nun gehorsam sind. Dieses Bild (oder Gestalt), dieser Rahmen der Lehre bestimmt ihr Leben. Das bedeutet nichts anderes, als dass es die Wahrheit über Gott, den Menschen, die Sünde, die Erlösung, usw. ist, die unserem Leben die entsprechende Form gibt.
Im Grunde lehrt Paulus nichts anderes, als dass es theologische Wahrheit ist, die uns Sieg über die Sünde beschert. Es sind nicht die guten Ratschläge und Beispielgeschichten eines Predigers, die uns helfen, im Alltag praktisches Christenleben besser auszuüben. Es ist Theologie, die uns hilft, richtig – das heisst, zu Gottes Ehre – zu leben.
Das bestätigt auch die Aufforderung des Apostels am Anfang des 12. Kapitels des Römerbriefes. Gerade dort, wo er beginnt, Anweisungen für das praktische Christsein zu geben, greift er noch einmal darauf zurück, was er bisher gelehrt hat und erklärt, was die Grundlage des praktischen Lebens ist:

Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist. Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, daß ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.(Röm 12:1-2)

Dass die Gläubigen ihr Leben Gott als ein lebendiges Opfer bringen, d.h. für ihn, zu seiner Ehre leben können (d.i. praktisches Christsein!), ist nur möglich durch die Erbarmungen Gottes. Was diese Erbarmungen sind, hat er eben in den Kapiteln davor erklärt (nämlich die Theologie der Rechtfertigung und Heiligung). Sie sollen nun prüfen, was der vollkommene Wille Gottes ist. Das geschieht dadurch, dass sie in ihrem Sinn erneuert werden. Wie wird der Sinn erneuert? Durch die rechte Lehre. Das lehrt Paulus unter anderem sehr deutlich im Epheserbrief (wiederum bevor er anfängt, Anweisungen für praktisches Christsein zu geben):

Und er hat die einen als Apostel gegeben und andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer, zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi. Denn wir sollen nicht mehr Unmündige sein, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch die Betrügerei der Menschen, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum (Eph 4:11-14)

Die in Vers 11 genannten Männer rüsten die Gemeinde aus, machen sie fähig zum Dienst. Das Ziel des Dienstes ist die Mündigkeit der Gemeinde, dass sie zur vollen Erkenntnis des Sohnes Gottes kommt. Das Gegenteil dieser Mündigkeit nennt er in Vers 14; es ist das hin- und her geworfen sein von jedem Wind der Lehre. Anders ausgedrückt: Wer nicht fest ist in der Lehre, wird von allen möglichen Meinungen und Irrlehren beeinflusst. Er kann schliesslich auch nicht ein gutes Leben führen, weil er die notwendigen Grundlagen nicht hat.
Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die Apostel Paulus, Petrus und Johannes, immer wenn sie in ihren Briefen über Irrlehrer schreiben, auch auf ihre massiven moralischen Verfehlungen hinweisen. Falsche Lehre und schlechtes Leben hängen so zusammen wie gute Lehre und gutes Leben. Dies bestätigt schon ein oberflächlicher Blick in die Kirchengeschichte und auch in die aktuelle Situation.

Gute, unverfälschte biblische Lehre, die wir auch Theologie nennen können, ist niemals nur trockene Theorie, sondern ist die Grundlage für unser christliches Leben. Wir brauchen die Kenntnis der Wahrheit über Gott, über uns selbst, über die Sünde und das Heil, damit wir in der richtigen Beziehung zu Gott ein gutes, d.h. im gefälliges Leben führen können.
Darum müssen wir darauf bestehen, dass in unseren Gemeinden zuallererst darauf geachtet wird, dass wir die rechte Erkenntnis Gottes haben. Diese erhalten wir durch exakte Unterweisung in biblischer Lehre, sprich: Theologie.
Deshalb zum Schluss nun noch eine Ermahnung: Beten Sie für ihre Hirten, dass sie bereit sind, allen Unkenrufen zum Trotz Lehrer der Gemeinde zu sein! Und lassen Sie sich belehren!

Freitag, 19. Juni 2009

Narzisstische Jugend

Zum XX. mal: Die säkulare Welt geht voraus, die evangelikale stolpert hinterher. In den 1980ern "erkannte" die Welt, dass die Jugend ein besonders grosses Problem hat; sie haben zuwenig "Selbstwert". Die psychologischen Gimmicks,die entwickelt wurden, um das Problem flächendeckend zu therapieren, wurden anschliessend von einer Chistenheit, die stets nach neuer Erkenntnis der "Fachleute" dürstet, dankbar übernommen und wo nötig die biblischen Aussagen zum Thema etwas umgedeutet.

Jetzt, anfangs 21. Jahrhundert, gibt es wiederum eine neue Erkenntnis; nämlich, dass die Jugend eine zu hohe Meinung von sich selbst hat. Die "Fachleute" kratzen sich am Kopf und geben eine Pressemeldung heraus (Assossiated Press NY, Feb 2008):

Die heutigen College-Schüler sind narzisstischer und selbstzentrierter als ihre Vorgänger. Das sagt eine umfassende neue Studie von fünf Psychologen, die befürchten, dass dieser Trend sich schädlich auf die persönlichen Beziehungen und die amerikanische Gesellschaft auswirken könnte.
"Wir müssen aufhören, endlos zu repetieren: 'Du bist speziell!' und es die Kinder wiederholen zu lassen." sagt die Leiterin der Studie, Prof. Jean Twenge von der San Diego State University, "die Kinder sind bereits genügend selsbtzentriert!"
Die Forscher beschreiben ihre Studie als die umfassendste, die bisher getätigt wurde, und sagen, dass die NPI-scores (Narcisstic Personality Inventory-Werte) stündig angestiegen sind, seit 1982 der Test eingeführt wurde. Um 2006 sei der Wert bei zwei Drittel der Schüler auf überdurchschnittlich angestiegen. Die Forscher führen das Phänomen auf die "Selbstwert-Bewegung" der frühen 80er Jahre zurück. Die Bemühungen, Selbstvertrauen zu bilden, seine zu weit gegangen....

Man fragt sich, was die "Fachleute" als Lösung für das Problem vorschlagen und ob der Evangeliquallismus sich wiederum anschliesst. Ich habe ehrlich gesagt wenig Hoffnung, dass ein konkretes Umdenken stattfinden wird.

In der Zwischenzeit lehren reformierte Verkündiger und Liebhaber der biblschen Wahrheit weiterhin die unpopuläre Doktrin von der totalen Verderbtheit des Menschen und der Göttlichen Gnade für verlorene Sünder. Und wer Ohren hat, der hört...
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Donnerstag, 11. Juni 2009

Calvinismus und Weltlichkeit - bzw. "richtig reformiert"?

Peter Masters hat in Sword and Trowel einen Artikel mit dem Titel The Merger of Calvinism with Worldliness verfasst. Dazu habe ich folgende Gedanken:

Dr. Masters hat den Mut, die Dinge zu sagen, wie er sie sieht, ohne Angst vor einer allfälligen 'political uncorrectness' zu haben.
Vieles, das er in diesem Artikel ankreidet, ist es wert, hinterfragt und korrigiert zu werden.
Dennoch beschleicht mich das ungute Gefühl, dass Dr. Masters hier dasselbe tut, das er (z.T. mit Recht) Mark Driscoll vorwirft. Dass er nämlich das Evangelium kulturell kontextualisiert. Nur dass er es nicht der Kultur der heutigen 'Welt' anpasst, sondern derjenigen vor unserer Zeit. Ist er damit nicht selbst ein Bisschen 'weltlich'? Manchmal habe ich den Eindruck, dass er wahres Christentum mit einer bestimmten 'christlichen Kultur' gleichsetzt, die ihm am meisten behagt.
Ich gebe aber dennoch zu, dass ich selber manchmal auch etwas Mühe habe mit den Bemühungen, alle möglichen geistlichen Bewegungen, die sich in einem schmalen Bereich an Calvinistische Überzeugungen anlehnen, gleich ins Refomierte Camp einzuordnen und zu umarmen. Manchmal ist es vielleicht weiser, wenn man etwas wartet, bevor man etwas preist... dennoch würde es Dr. Masters vielleicht gut anstehen, etwas mehr die Qualitäten eines C.J. Mahaney oder Mark Driscoll und einiger jüngerer Proponenten zu würdigen. Da gibt es doch einiges, was beachtenswert ist.

Diese Männer sind - wie die meisten von uns - nicht ihr Leben lang reformiert gewesen. Nach Dr. Masters' grossem Vorbild Charles Spurgeon werden wir ja alle als Arminianer geboren. Wir gingen einen Weg, bevor wir all die wichtigen biblischen Wahrheiten, die im Reformierten Glauben zusammengefasst sind, entdeckten und erkannten.
Wenn man nun einen Zaun um das "richtig reformiert", bzw. "richtig calvinistisch" macht, indem man alle anderen draussen hält, die nicht die eigene Sichtweise in Allem teilen, wird man niemanden mehr gewinnen. Aber genau das wollen wir doch. Wir wollen doch, dass die wunderbaren Lehren von der souveränen Gnade Gottes, von seinem Bund, von dem Gebrauch der Gnadenmittel, der Zentralität Christi, der Allgenugsamkeit des Wortes Gottes, usw., allen zugänglich werden.
Wir sollten uns freuen, wenn eine ganze Reihe Mittzwanziger sich für diese Wahrheiten öffnen, sie annehmen und sie sogar in ihren Kreisen (die dann eben vorerst noch nicht davon geprägt sind) propagieren. Denn die Lehren der souveränen Gnade haben eine Kraft, die reformiert. Auch bei den meisten von uns älteren Hasen hat sich das ja bewährt. Wir müssen den Leuten Zeit geben. Wenn sie sich wirklich für die alten refomierten Theologen öffnen, wird sich vieles in ihrer Theologie und Praxis ordnen. So dass sie dann irgendwann auch "richtig reformiert" sind. In der Zwischenzeit können wir uns selber ja immer wieder fragen, ob wir denn noch richtig reformiert sind. Ob wirklich unser ganzes Leben und Denken von der Schrift geprägt (re-formiert) wird.
Und wenn einige Zeit vergangen ist, dürfen wir vielleicht auch noch erleben, dass Peter Master ganz reformiert wird und die Taufe der Bundeskinder anerkennt ;-)
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Freitag, 6. März 2009

Das Christliche der Christen

Ich schaute mir eben Clint Eastwoods neuesten Film "Gran Torino" an. Der Film ist unbedingt sehenswert - der aufmerksame Betrachter wird einen (beträchtlichen) Rest an christlicher Ethik ausmachen, auch wenn diese wie üblich im humanistischen Gewand daherkommt.
Ich möchte hier aber keine Filmkritik betreiben.

Mir ist beim anschauen etwas erneut aufgefallen, das immer wieder in solchen Filmen vorkommt: fast immer wenn irgendwie das Thema Christentum oder Kirche eine Rolle mitspielt, z.B. wenn jemand heiratet oder ein Beerdigung vorkommt, oder es sonst einen Berührungspunkt mit dem Christlichen gibt, dann kommt die (römisch-) Katholische Kirche vor. Wenn das Innere eines Kirchengebäudes gezeigt wird, ist es in der Regel eine Römische Kirche.

Das macht mich als Reformierten natürlich etwas eifersüchtig.
Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Gerade in Amerika ist ja der Evangelikalismus recht stark vertreten. Auch wäre bei den Evangelikalen sicher die Offenheit da, ein Filmteam in ein Kirchengebäude zu lassen...
Warum zeigen sie aber immer römisch-katholische Gottesdienste oder Handlungen?

Ich habe eigentlich nur eine Erklärung. Für die breite Bevölkerung, die sich die Filme anschaut, ist leichter erkennbar, dass sich hier etwas 'Christliches' abspielt. Im Zeremoniell, im äusseren Gebaren und im Baulichen und Gegenständlichen der römischen Kirche ist das, was landläufig als 'christlich' bekannt ist, deutlicher abgebildet.
Da ist es sinnvoll, wenn man im Film 'das Christliche' ins Spiel bringen will, dass man das dann leicht und schnell erkennbar macht.

Aber ist das denn nur im Film so?
Wäre es nicht auch überhaupt sinnvoll, wenn wir 'das Christliche' ins Spiel bringen wollen, dass wir das dann gleich deutlich erkennbar machen?
Ich denke, JA! Unbedingt!
Ich glaube, es sind fast immer nur die Christen, die 'das Christliche' eher verbergen wollen. Die nicht fromm sein wollen, nicht zu kirchlich erscheinen, sondern wie die Welt um sie herum aussehen und gesehen werden wollen.

Die Welt braucht hier unsere Klarheit.
Die Leute erwarten von uns gar nicht, dass wir nicht als Christen auffallen. Dass 'das Christliche' an uns nicht erkennbar sein soll.
Das ganze Getue um "Kontextualisierung" und "kulturelle Relevanz" geht meines Erachtens in die falsche Richtung. Die der Welt angepassten, eventorientierten 'Gottesdienste' ziehen nur die gelangweilten Christen an, die von ihrem eigenen Kraft-entleerten Christentum nicht mehr vom Hocker gerissen werden.

Aber wenn wir uns schon zu fragen angefangen haben, was denn die Welt von uns möchte, dann wäre es vielleicht gar nicht so dumm, einmal zu erkennen, dass die Welt von uns Christen eigentlich nicht das bekommen will, was sie schon selber hat, sondern eben 'das Christliche' in seiner ureigenen Form.
Wir sollten den Mut haben, wieder ganz unverblümt Kirche zu sein, mit allem was dazugehört. Gottesdienste, in denen das Wort Gottes ausgelegt wird, die Sakramente ausgeteilt werden, wo gebetet wird, Lieder mit biblisch-theologischem Inhalt (anstatt Jesus-is-my-boyfriend-lovesongs) gesungen werden.

Ich bin überzeugt, dass wir keinen Nicht-Christen vor den Kopf stossen, wenn wir ihn nach einem oder mehreren Gesprächen über das Evangelium in einen Gottesdienst einladen, wenn er dann auch einen richtigen Gottesdienst antrifft, in dem 'das Christliche' deutlich erkennbar ist.
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Freitag, 13. Februar 2009

Reformatorisches Erbe?

"Hat der Evangelikalismus sein reformatorisches Erbe verlassen?" dieser Frage war die gestrige IRON SHARPENS IRON-Sendung mit dem Interview mit Kim Riddlebarger gewidmet.

Riddlebarger beantwortet die Frage ohne Umschweife: "Nein, der Evangelikalismus hat kein reformatorisches Erbe verlassen, weil er ein solches Erbe nie hatte."

Das Interview geht dann bald in die Richtung, dass das reformierte mit dem modernen evangelikalen Verständnis von Kirche und Gottesdienst verglichen und diskutiert wird.
Eine Stunde, die du dir gönnen solltest.
Um die Sendung zu hören, klicke hier!
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Mittwoch, 11. Februar 2009

Das alte und das neue Evangelium

Heute begegnete mir ein Vers von Mose:
"Zuflucht ist bei dem alten Gott" (5.Mose 33,27).
Dazu kam mir ein alter Text von James Packer aus dem Jahre 1958 wieder in den Sinn. Es ist erstaunlich, wie Packer dies vor 50 Jahren formulieren konnte, bzw. dass dieses Problem damals schon so aktuell war. Es hat nichts an Aktualität verloren.
Hier ist der Textabschnitt (aus der Einführung zu John Owens "The Death of Death in the Death of Christ"):

Wir haben das biblische Evangelium aus dem Blick verloren. Ohne es zu merken, haben wir während des letzten Jahrhunderts dieses Evangelium für ein Ersatzprodukt eingetauscht, das, wenn es auch in Einzelheiten sehr ähnlich aussieht, dennoch in seiner Gesamtheit etwas völlig anderes ist.

Daher stammen unsere Probleme; denn das Ersatzprodukt ist untauglich hinsichtlich der Ziele, für die sich das echte Evangelium in vergangenen Zeiten als so mächtig erwiesen hat. Das neue Evangelium versäumt es auf bemerkenswerte Weise, tiefe Ehrfurcht und Reue, echte Demut, einen Geist der Anbetung und herzliche Anteilnahme am Wohl der Gemeinde hervorzubringen. Und warum?


Ich behaupte, die Ursache hierfür liegt in seinem eigentlichen Wesen und Inhalt. Es kann die Menschen nicht dazu bringen, dass sie Gott im Mittelpunkt ihres Denkens und die Furcht Gottes in ihren Herzen haben. Das ist auch gar nicht sein eigentliches Anliegen. Man kann sagen, es unterscheidet sich von dem alten Evangelium dadurch, dass es ausschließlich darum bemüht ist, dem Menschen "dienlich" zu sein -- ihm Frieden, Trost, Freude und Erfüllung zu bringen -- und zu wenig daran interessiert ist, Gott zu verherrlichen. Das alte Evangelium war auch dem Menschen "dienlich" -- ja, mehr noch als das neue --, doch sozusagen eher beiläufig, denn sein primäres Anliegen war es, Gott Ehre zu bringen.

Es war immer und wesentlich eine Verkündigung göttlicher Souveränität -- in der Barmherzigkeit und im Gericht; ein Aufruf, sich zu beugen und den mächtigen Herrn anzubeten, von dem der Mensch in allen Dingen abhängig ist, sei es in der natürlichen Versorgung oder in der Gnade. Sein eindeutiger Bezugspunkt war Gott. Aber in dem neuen Evangelium ist der Bezugspunkt der Mensch. Das alte Evangelium war auf eine Weise religiös, wie es das neue Evangelium nicht ist.


Während es das Hauptziel des alten war, die Menschen Gottes Wege zu lehren, so scheint das Anliegen des neuen darauf beschränkt zu sein, ihr Wohlbefinden zu fördern. Das Thema des alten Evangeliums waren Gott und seine Wege mit den Menschen; das Thema des neuen sind der Mensch und die Hilfe, die Gott ihm gibt. Das ist ein großer Unterschied. Ausblick und Schwerpunkt der Evangeliumspredigt haben sich grundlegend gewandelt.
Aus dieser Wandlung in der Zielsetzung ist eine Wandlung im Inhalt erwachsen, denn das neue Evangelium hat die biblische Botschaft effektiv im vermeintlichen Interesse der "Dienlichkeit" umformuliert.


Donnerstag, 27. Dezember 2007

Ist die Form doch wichtig?

Wir Christen betonen oft, dass an unserem Glauben nicht das Äussere wichtig ist, sondern die innere Haltung. Dem möchte ich zumindest zum Teil widersprechen.
Mit dem, was wir äusserlich in Erscheinung bringen, zeigen wir doch, wie unsere innere Haltung ist. Zum Beispiel widerspiegelt die Kleidung entweder den Charakter des Menschen, der sie trägt, oder sie zeigt zumindest, wie dieser Mensch gesehen werden will.

Ich will aber auf etwas anderes hinaus. Es geht mir um den Gottesdienst. Nicht um den alltäglichen, sondern um die Veranstaltung, die wir Gottesdienst nennen.
Mir ist kürzlich am praktischen Beispiel neu klar geworden, dass die Form des Gottesdienstes eben nicht egal ist.

Ich besuchte einen Weihnachtsgottesdienst in einer anderen Gemeinde, weil wir (nicht unter Berufung auf das regulative Prinzip!) am 25. Dezember keinen Gottesdienst hielten.
Ich wurde gehörig enttäuscht.
(Es geht mir jetzt nicht darum, diese betreffende Gemeinde zu verurteilen. Es geht mir um die Sache in dieser einen Veranstaltung.)

Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass man nicht wie jedes Jahr einfach das Thema Weihnachten wiederholen wollte, sondern etwas interessantes, spannendes bringen und dabei gleichzeitig die Bedeutung von Weihnachten erklären wollte.
Diesen Eindruck habe ich oft in evangelikalen Veranstaltungen, dass man von menschlicher Seite her etwas interessanter und attraktiver machen will, weil man noch nicht verstanden hat, wie attraktiv das Evangelium ist, das nicht in menschlichen Firlefanz eingekleidet ist.

Also, damit sich die Anwesenden nicht einfach nur eine Predigt anhören müssen, hat man sich die Idee ausgedacht, dass der Prediger den Apostel Paulus spielt, der in einer Art Fernsehshow interviewt wird.
Das Ganze lief ohne grosse Aufmachung ab. Der Interviewer und "Paulus" sassen sich gegenüber und sprachen miteinander über die Bedeutung von Weihnachten.
Dabei hat der Prediger eigentlich Gal 4,4 ausgelegt. Er tat das einfach nicht als der Prediger dieser Gemeinde, sondern als "Apostel Paulus", der in einem Interview Fragen beantwortet.

Die Auslegung des Verses war korrekt. Sie enthielt wertvolle Gedanken. Man merkte, dass der Prediger weiss, wie man exegetisch arbeitet.
Aber ich fragte mich: warum muss er denn dieses Gehabe drum herum machen? Wo die Leute noch klatschen, wenn der Apostel Paulus hereinkommt, um vom Interviewer begrüsst zu werden.
Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, die Form möglichst zu ignorieren und den Inhalt zu würdigen (wer mich kennt, weiss, wie schwer mir das in einer solchen Situation fällt), aber es ist dennoch so, dass mir das Drumherum so im Weg gestanden ist, dass ich nichts als ein dummes Gefühl mit nach Hause nahm.

Als wir als Familie auf dem Heimweg diskutierten, merkte ich, dass es nicht nur mir so gegangen ist. Auch meine Kinder sagten: "Das war ja gar keine Predigt!" und "Da wurde ja der Mensch gross gemacht und nicht Gott!" ...und das, obwohl der Prediger sehr wohl Gott gross machte in seinen Worten.
Aber auch meiner Familie ging es so, dass für sie die Form den Inhalt erdrückt hat. Und deshalb ist der Inhalt nicht richtig rübergekommen.

Einmal mehr wurde mir am praktischen Beispiel klar, wie wichtig eben auch die Form im Gottesdienst ist. Gottes Wort und unsere Anbetung brauchen das richtige Gefäss, um 'transportiert' zu werden.
Deshalb halte ich es je länger je mehr für wichtig, dass wir darauf Acht geben, wie wir die Liturgie des Gottesdienstes gestalten. Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist und die Leute 'abholt', wenn wir eine möglichst lockere Haltung an den Tag legen, wenn wir einen Gottesdienst leiten.

Im Gegenteil: Wenn wir uns bewusst sind, mit wem wir es zu tun haben (Wir kommen gemeinsam vor Gott - wegen Gott und nicht wegen den Gästen, die gar nicht wirklich in einem Gottesdienst dabei sein wollen, sondern nur dem Einladenden einen Gefallen getan haben), dann werden wir alles dransetzen, dieser Tatsache auch in der äusseren Form Rechnung zu tragen.

Die Form soll den Anwesenden nicht dazu führen, sich entspannt nach hinten zu lehnen und zu geniessen, sondern sich bewusst zu werden, dass er in die Gegenwart Gottes tritt.
Wenn er sich dieser Tatsache bewusst ist, dann wird ihn auch eine mittelmässige Predigt nicht langweilen.
Noch einmal: Die Form ist nicht das Eigentliche am Gottesdienst. Sie ist aber das "Gefährt", das die Anbetung und das Wort Gottes 'transportiert', deshalb ist wichtig, dass sie zu ihrem Inhalt passt!

Sonntag, 16. Dezember 2007

Evangeliquallismus

Die Apostel haben diese Tierchen wohl nicht gekannt. Sonst hätten sie sicher auch von den Evangeli-Quallen gesprochen, die in der Endzeit auftauchen werden.

Diese Tiere sind sehr beweglich, flexibel, weil sie kein Rückgrat haben.
Sie sind transparent, dadurch sind sie kaum sichtbar, sie verschmelzen sozusagen mit ihrer Umgebung.
Sie halten sich vorzugsweise in seichten Gewässern auf. Deshalb können sie leicht gefangen werden oder an den Strand gespült werden, wo sie dann vertrocknen.

Sie sind aber nicht so harmlos, wie sie aussehen. Die Berührung mit ihnen kann äusserst unangenehm werden. Sie können ziemlich giftig sein.
Also, nehmt euch in Acht, dass ihr nicht zu einer Evangeliqualle werdet!

Dienstag, 4. Dezember 2007

Sinneswandel bei Willow Creek?

Schön wärs!!
Als ich zuerst hörte, dass es bei Bill Hybels und Willow Creek einen Sinneswandel gegeben haben soll, dachte ich: "Super!"
Ich hatte ein paar kurze Meldungen gelesen, wonach den Willow Creekern bewusst geworden sein soll, dass sie mit ihrem consumer-oriented service doch nicht das erreicht hätten, was sie sich eigentlich gedacht hätten.
Hybels selbst sagte, dass sie diverse Prioritäten falsch gesetzt hätten. Zum Teil nicht da, wo sie Gott setzt (hab ich im Originalton selber gehört).

So ein 'Bekenntnis' weckt Hoffnungen bei denen, die dem Programm von Willow Creek kritisch gegenüber standen. Doch die Hoffnung, dass es eine wirklich Einsicht und darauf folgend eine Umkehr gibt, müssen wir uns wohl abschminken.

In seinen Erklärungen äusserte sich Bill Hybels folgendermassen:
"Viele unserer langjährigen Mitglieder sagten uns, dass immer zu kurz gekommen seien, dass sie sich mehr geistliche Nahrung und mehr Tiefgang gewünscht hätten. Da habe ich mir gedacht, ob ich ihnen einen alten Seminar-Dozenten besorgen soll, der sie durchfüttert, bis sie kotzen."
(Er hat wirklich das umgangssprachliche Wort 'barf' gebraucht!)
Seiner wohl humorvoll gedachten Äusserung folgte ein Riesen Gelächter.

Ich bin tatsächlich erschrocken. Der "Erkenntnis", dass es den Schafen an guter Nahrung mangelt, folgt eine solch arrogante Bemerkung und die Feststellung, dass sie sich eben ihre Nahrung irgendwie besorgen müssen.
Nur: die Hirten ihrer eigenen Gemeinde sind nicht bereit, ihre Schafe zu füttern.
Sie möchten lieber die Böcke gut unterhalten!

Mich erinnert diese Haltung an die vielen falschen Propheten, die - als ihre Prophezeiungen nicht eingetroffen sind - einfach mit einem Schulterzucken eine neue Vorhersage rauslassen und zur Tagesordnung übergehen.
Ich finde das zum...[siehe oben im Hybels-Zitat]

Freitag, 8. Juni 2007

"Zurück"(?) nach Rom # 2

Die Entscheidung Frank Beckwith's, in die römisch-katholische Kirche zurückzukehren, hat einige Entrüstung bei evangelikalen Christen ausgelöst. Warum?
Wohl vor allem deshalb, weil er einer der führenden "evangelikalen Theologen" war, bis im März sogar der amtierende Präsident der ETS (Evangelical Theological Society).
Man fragt sich: "Wie kann so etwas passieren? Wie kann ein Mann in dieser Position einen solchen Schritt machen?"

Die Antwort auf diese Frage scheint mir nicht so schwierig zu sein.
Beckwith verkörpert etwas, das im breiten Evangelikalismus gang und gäbe ist.
Er ist ziemlich sicher nie weit entfernt gewesen von der Theologie der Kirche, in die er zurück kehrte (er ist in der römischen Kirche aufgewachsen und später "evangelisch" geworden).

Was in der Evangelikalen Szene als "evangelisch" gilt, ist in Wirklichkeit gar nicht so evangelisch im Sinne des Erfinders, d.h. auf der Grundlage der geistlichen Erneuerung der Reformation.
Was im evangelikalen Lager z.B. unter Gnade verstanden wird, ist näher an der römischen Lehre als am reformatorischen Sola Gratia.
Das Schriftverständnis der meisten Evangelikalen ist in Wirklichkeit nicht mehr das Sola Scriptura der Reformation, sondern näher am römischen "Schrift plus Tradition" (wobei die Tradition nicht unbedingt dieselbe wie die der römischen Kirche ist - aber auf jeden Fall hat Pelagius ein grosses Wort mitzureden).
Auch das Christus-Verständnis ist nicht mehr das Solus Christus der Reformation, sondern es ist näher am römischen "Christus und..."

Beckwith hat in seinen Studien (die er als "Evangelikaler" betrieben hat), offenbar festgestellt, dass die Artikel des Tridentinischen Konzils grundsätzlich mit der evangelikalen Auffassung überseinstimmen und dass sie von einem Grossteil der Protestanten missrepresentiert worden seien. Dies sagt er jedenfalls in einem Interview, das hier nachzulesen ist.

Dass die Tridentinischen Artikel vom Protestantismus missrepresentiert wurden, ist einfach lächerlich. Man nehme sich nur einmal die Artikel 830ff (Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, S. 515f) vor. Hier wird die evangelische Lehre der Rechtfertigung frontal angegriffen und verflucht.
Dass aber die evangelikale Welt in Wirklichkeit näher am Tridentinum ist, als sie weiss, und dass die genannten Artikel der evangelikalen Auffassung nicht sehr stark widersprechen, damit hat Beckwith wohl nicht Unrecht.

Deshalb konnte er es so lange aushalten als katholizistischer Evangelikaler, bevor er in den Schoss seiner Alma Mater zurückkehrte.
Deshalb konnte er am Ende seiner Stellungnahme auf dem Blog "Right Reason" (hier) auch sagen: "ETS’s tenacious defense and practice of Christian orthodoxy is what has sustained and nourished so many of us who have found our way back to the Church of our youth."
[Übersetzung: Die beharrliche Verteidigung und Praxis Christlicher Orthodoxie (Rechtgläubigkeit) ist es, was so viele von uns erhielt und nährte, die wir unseren Weg zurück in die Kirche unserer Jugend gefunden haben.]

So wurde also seine eigentlich katholische Theologie im evangelikalen Lager gepflegt und genährt. Das soll uns herausfordern, genau nachzuprüfen, worauf wir unser "evanglisch" aufbauen. Und hatnäckig immer wieder die reformatorischen Grundlagen der Schriftauslegung zu betonen.

Donnerstag, 18. Januar 2007

Zurück nach Rom?

Wer das folgende Zitat von R. Scott Clark etwas genauer studiert, der kann erkennen, wie nahe die (nicht in einem Bekenntnis explizit ausgedrückte) neo-evangelikale Theologie der römisch-katholischen steht:

Bekennende Protestanten sind sich nicht uneinig mit Rom, ob die Rechtfertigung durch Gnade geschieht. Rom hat immer die Rechtfertigung aus Gnade gelehrt. Wir unterscheiden uns durch die Definition von Gnade.
Protestanten definieren Gnade als das bedingungslose Wohlwollen Gottes und Rom definiert Gnade als gewähren oder vermitteln von Heiligkeit oder sogar der Göttlichen Natur.
Natürlich bekennt Rom auch die Rechtfertigung durch Glauben, und einmal mehr sind wir in der Definition uneinig.
Protestanten sagen, dass der Glaube im Akt der Rechtfertigung nichts mehr ist als ein Vertrauen auf oder ein Ruhen in Christi vollendetem Werk.
Weil er allein auf das vollendete Werk Christi als die Grundlage für die Rechtfertigung sieht, ist der (empfangende und ruhende) Glaube das alleinige Instrument der Rechtfertigung.
Rom jedoch definiert Glauben als Treue und Heiligung, d.h. Kooperation mit der Gnade, und sagt: "Rechtfertigung ist Heiligung", während wir bekennen: "Die Rechtfertigung produziert Heiligung oder Frucht". Rom bekennt: "Wir sind gerechtfertigt, weil wir – und in dem Grad in dem wir – geheiligt sind" und wir bekennen, dass wir gerechtfertigt sind durch die angerechnete Gerechtigkeit Christi, die wir allein durch den Glauben empfangen, und dass Rechtfertigung notwendigerweise Heiligkeit produziert.

Weisst du ganz sicher, welche deine Position ist?
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