Freitag, 2. Oktober 2015

Die Gefahren der Vernachlässigung des Gottesdienstes

Von Shane Lems, Pastor der Covenant Presbyterian Church (OPC) in Hammond, Wisconsin.


"Müssen wir heute zur Kirche gehen?" Diese Worte bekamen meine Eltern öfter von mir zu hören, als ich ein Junge war. Als Elfjähriger kannte ich Zeiten, in denen ich lieber zu Hause geblieben wäre, um mit meinen Legosteinen zu spielen, als zum Gottesdienst zu gehen.
Ich wusste, dass zur Kirche zu gehen eine gute Sache ist, aber es schien mir, dass ein- oder zweimal im Monat vollkommen genügen würde. Dies war meine Logik als Kind in einem christlichen Zuhause.
Ein Problem im christlichen Leben ist, dass manche Erwachsenen dieselbe Logik haben: Zur Kirche gehen ist gut, aber ein- oder zweimal ist gut genug. Es ist eine Sache für ein Kind, so zu denken. Etwas ganz anderes ist es aber, wenn Erwachsene so eingestellt sind. Ich weiss, es gibt legitime Gründe, dass manche nicht regelmässig den Gottesdienst besuchen können (Krankheit, Notfälle, usw.), aber es gibt sehr wohl auch illegitime (Sport, Fernsehen, Video-Games, usw.). Ich möchte anhand einiger Bibel-Passagen und biblischer Prinzipien folgende Frage beantworten: "Was ist falsch daran, gewohnheitsmässig den Gottesdienst der Gemeinde zu vernachlässigen?"

1.     Es ist gegen Gottes Willen
In Heb 10:25 ermahnt die Schrift ausdrücklich bestimmte Christen, die "die Versammlungen vernachlässigen, wie es bei einigen Gewohnheit geworden ist..." Ohne dass wir darüber debattieren, welche Anzahl von Gottesdiensten diese Leute verpassten, können wir mit Bestimmtheit sagen, dass sich die frühe Kirche regelmässig traf, um Gottesdienst zu feiern (siehe Apg 2:42). Aber später, als der Hebräerbrief geschrieben wurde, begannen einige, das sehr unregelmässig zu tun, und sie wurden ausdrücklich darauf angesprochen (vgl. grosser Westminster Katechismus 119). Es gefällt Gott nicht, wenn sein Volk gewohnheitsmässig den öffentlichen Gottesdienst vernachlässigt. Es bringt ihm keine Ehre, weil es gegen seinen ausdrücklichen Willen ist.

2.     Es ist schädlich für den Glauben des Christen
Gott hat versprochen, dass er sein Volk durch sein Wort kraftvoll segnen will. Der Glaube an Christus kommt durch das Hören seines Wortes (Röm 10:17), und dieser Glaube wird durch dasselbe Wort gestärkt. Das Wort von Gottes Gnade ist wirksam, dich im Glauben zu erbauen (Apg 20:32, s. auch Ps 119). Wir nennen die Predigt ein Mittel der Gnade, weil sie einer der hauptsächlichen Wege ist, auf dem Gott sein Volk mit seiner Gnade überschüttet (dasselbe kann von den Sakramenten gesagt werden). Und Schauer von Gnade zu vernachlässigen, lässt die Saat des Glaubens verwelken, anstatt dass sie in unseren Herzen wachsen kann. So bedenke: Gewohnheitsmässiges Vernachlässigen des Gottesdienstes ist damit zu vergleichen, dass wir in einem dürren Klima einen Garten vernachlässigen, anstatt ihn zu tränken und zu düngen. Die Pflanzen werden nicht wachsen. In gleicher Weise wird auch unser Glaube nicht wachsen, wenn er nicht regelmässig durch Wort und Sakramente genährt wird.

3.     Es behindert die christliche Gemeinschaft
Hebräer 10:24-25 spricht nicht nur von der Teilnahme an Gottesdiensten, sondern redet im gleichen Satz auch von christlicher Gemeinschaft. Gleichzeitig mit der Ermahnung, die Versammlungen nicht zu vernachlässigen, fordert der Schreiber seine Leser auch dazu auf, einander "zur Liebe und zu guten Werken anzureizen", und einander im Glauben zu ermutigen, während wir auf die Wiederkunft des Herrn warten. Gottesdienstliche Versammlung, Ermutigung, Liebe und gute Werke gehen Hand in Hand. Diese töten unsere selbst-zentrierte, individualistische Haltung und helfen uns, auf eine mehr bundesgemässe, gemeinschaftliche Weise zu denken und zu leben. Schliesslich ist das Christsein nicht ein Ein-Mann-Unternehmen, und es passt auch nicht mit dem Individualismus unserer Kultur zusammen. Jesus sagt: "Daran werden die Menschen erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt" (Joh 13:35). Ein wahrer Christ sagt nicht: "Ich liebe Jesus, aber nicht die Kirche." Wenn jemand regelmässig den Gottesdienst versäumt, dann stellt er die Wichtigkeit der Gemeinschaft mit und Liebe zu Gottes Volk in Frage (siehe auch Westminster Bekenntnis 26.2).

4.     Es vermindert den Lobpreis Gottes
Die Bibel ist voll von Beispielen davon, wie Gottes Volk öffentlich Loblieder singt und gemeinsam Gottes Namen ehrt. Zum Beispiel sagt Ps 34:4: "Erhebt den HERRN mit mir, lasst uns miteinander erhöhen seinen Namen!" (vgl. Ps 95:1-2.6, Offb 19:7). Wenn wir selten zusammen mit seinem Volk Gott Loblieder singen, dann wird sein Lobpreis verringert – Lobpreis, den wir ihm gern bringen sollten, gemeinsam mit seinem Volk: "Ich freute mich, wenn sie zu mir sagten: 'lasst uns gehen zum Haus des Herrn!'" (Ps 122:1). Gewohnheitsmässig Gottesdienste zu verpassen, bedeutet, gewohnheitsmässig den gemeinsamen Lobpreis Gottes zu vernachlässigen. Das ergibt auch ein schlechtes Beispiel gegenüber Nichtchristen, die dann denken mögen, dass man ein Christ sein kann, ohne den Gottesdienst zu besuchen. Tatsächlich ist es widersprüchlich, sich als Christ zu bezeichnen und sich aber nicht darum zu scheren, dass man gemeinsam mit anderen Christen Gott lobt.

5.     Es verwirrt andere Christen
Christen wurden oft auch Kirchgänger genannt, und das ist in der Tat eine biblische Art zu denken. Wenn ein Christ regelässig den Gottesdienst auslässt, dann mögen andere Christen anfangen, sich zu fragen, warum er nicht zur Kirche geht. Oder wenn ein Kind einer christlichen Familie bemerkt, dass eine bestimmte andere Familie selten oder nie zum Gottesdienst kommt, mag das Kind sich wundern, warum diese Familie Gott nicht anbetet. Die Bibel lehrt, dass wenn jemand wirklich ein Christ ist, dass er dann mit den anderen Christen zusammenbleibt (1Joh 2:19). Mit anderen Worten: Wenn ein Christ regelmässig den Gottesdienst ausfallen lässt, dann ergibt er ein armseliges Beispiel für andere Christen und schafft Verwirrung unter ihnen (anstatt dass er sie erbaut, wie er sollte). Vielleicht sollten Christen, die öfter Gottesdienste auslassen, darüber nachdenken, wie sie damit anderen Christen schaden. Gewohnheitsmässiges Vernachlässigen des Gottesdienstes ist schändlich für das Bekenntnis eines Christen und kann andere Christen zum Straucheln veranlassen.

6.     Es hindert wahre Frömmigkeit
In der Liturgie der Kirche lernt Gottes Volk den Rhythmus des christlichen Lebens: Lobpreis, Bekenntnis der Sünde, Vergebung der Sünde, Gebet, Hören von Gottes Wort und lernen für ihn zu leben. Diese Elemente des Gottesdienstes helfen, die Orientierung unseres christlichen Lebens in der richtigen Richtung zu halten. Liturgie ist wie christliche "Re-Kalibrierung" (Nacheichung). Regelmässiges Vernachlässigen des Gottesdienstes lässt uns mit der Zeit vergessen, was die rechte Art ist, als Jünger zu leben, bringt Verwirrung in unsere Moral, bringt unser Gewissen durcheinander, macht uns anfällig für Scham und Schuld und vernebelt die Realitäten von Gott und seiner Gnade. Wie mich ein Freund kürzlich erinnerte, wurde die Verwirrung des Psalmisten bezüglich der geistlichen Realität geklärt, als er in das Heiligtum Gottes ging (Ps 73). Vernachlässigung des Gottesdienstes verhindert wahre christliche Frömmigkeit.


7.     Es erschwert die Arbeit der Pfarrer und Ältesten
Gott hat die Pfarrer und Ältesten einer lokalen Gemeinde dazu berufen, für die Herde zu sorgen, auf sie achtzuhaben, sie zu lieben, ein gutes Beispiel für sie zu sein, für sie zu beten, usw. (Apg 20:28-31, 1Tim 3:4, 1Pet 5:1-3). Die Leiter der Kirche sind vor Gott dafür verantwortlich, wie sie die Herde leiten und für sie sorgen (Heb 13:17). Wenn jemand gewohnheitsmässig den Gottesdienstbesuch vernachlässigt, kann der Pfarrer nicht zu dieser Person predigen und die Ältesten beginnen sich über ihr Leben und ihren Glauben Sorgen zu machen. Sicher sollten Pfarrer und Älteste ihren Dienst auch ausserhalb des öffentlichen Gottesdienstes tun, aber es ist sehr schwierig für sie, ihre Arbeit als Hirten gut zu tun, wenn jemand ständig die Gottesdienste auslässt. Schliesslich sagt der Hebräerbrief, dass Christen ihren Leitern gehorchen sollen, dass sie sich ihnen unterordnen und ihren Glauben nachahmen sollen (Heb 13:7.17). Wenn ein Christ ständig den Gottesdiensten ausweicht, zu denen die Ältesten die Gemeinde rufen, gehorcht er nicht und ordnet sich ihnen nicht unter. Damit erweist er ihnen nicht die Ehre, die Gott fordert (denke hier auch an das fünfte Gebot!). Entgegen der Tatsache, dass die meisten Bewohner der westlichen Welt keine Autoritäten mögen, ist die Bibel hier unmissverständlich klar: wir haben die Pfarrer und Ältesten zu ehren, die Gott als Autoritäten über uns gesetzt hat. Den Gottesdienstbesuch zu vernachlässigen macht die Aufgabe der Ältesten und Pfarrer schwierig.

8.     Es nimmt die Mitgliedschaftsverpflichtung nicht ernst
Obwohl einige Kirchen sich heutzutage wenig um verbindliche Mitgliedschaft kümmern, haben historisch reformierte Kirchen Mitgliederverpflichtungen, die verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift entnommen sind (z.B. 5Mo 6:13, Esra 10:5, Ps 50:14, 116:14). Wenn ein Christ sich einer der Kirchen Christi anschliesst, macht er bestimmte bundesgemässe öffentliche Versprechungen. Er verspricht gewöhnlich – unter anderem – dass er treu an den gottesdienstlichen Veranstaltungen der Kirche teilnimmt und sich dem Herrn und seiner Leitung unterordnet. Wenn jemand öffentlich ein solches Versprechen macht und dann davon zurückweicht, dann hält er ganz einfach die Versprechen nicht, die er gemacht hat. Hier kommt das neunte Gebot ins Spiel (siehe auch Westminster Bekenntnis 22.5).

9.     Es ist ein Zeichen der Apathie im Glauben
Wenn ein Mensch den Herrn eifrig liebt, sein Wort leidenschaftlich liebt, und auch andere Christen liebt, dann wird er Christus auch mit anderen zusammen anbeten wollen (Ps 122:1). Ich weiss von keinem Christen, der Christus eifrig liebt, aber nie seinen Lobpreis singt und keine Lust hat, mit anderen zusammen zu seinen Füssen zu sitzen und sein Wort zu hören. Ich weiss jedoch von Christen, die im Glauben nachlässig geworden sind und lieber ein Fussballspiel sehen oder im Sofa relaxen, als mit anderen Christen Jesus Loblieder zu singen. John Newton schrieb einen Brief an seine Gemeinde zu genau dieser Sache. Unter anderen Dingen schrieb er: "Die meisten von euch sind mit mir einig, dass die Bibel Gottes Offenbarung ist. Aber verhalten sich nicht einige von euch im Widerspruch zu euren anerkannten Prinzipien? Eure Geschäfte und Unterhaltung machen euch unpässlich für den treuen Besuch des Gottesdienstes. Ihr habt andere Dinge zu tun, so verpasst ihr viele Predigten... Viele Leute vermögen ihre volle Aufmerksamkeit für einige Stunden ihrer Unterhaltung zu widmen, ohne müde zu werden. Aber ihre Geduld ist schnell erschöpft, während in einer Predigt die Prinzipien der Schrift an ihre Gewissen angewandt werden.

10.  Es lädt die Versuchungen Satans ein
Ich sah einmal eine Dokumentation über das Verhalten von Hyänen und wie sie ihr Essen besorgen. Sie suchen und jagen gewöhnlich eine Antilope, die etwas entfernt von der Herde ist. Denn ihr Schutz besteht in der Menge. Ähnlich attackieren der Satan und seine Dämonen Christen an ihrem verletzlichen Punkt: wenn sie allein stehen, nicht verantwortlich gegenüber jemandem. Wenn sie nicht regelmässig Gottes Wort hören und nicht von der christlichen Stärke der Gemeinde profitieren. Der Satan ist kein Dummkopf – er kennt die beste Zeit zum Angriff. Es ist kein Zufall, dass Petrus sagt, dass der Satan wie ein hungriger Löwe umherschleicht und sucht, wen er verschlingen kann (1Pet 5:8). Die Kirche ist die Herde Christi, und von der Herde wegstreunen ist geistlich gefährlich. Sich von der Versammlung zu entfernen, heisst, sich Satans Attacken auszusetzen und seine Pfeile der Versuchung einzuladen.

11.  Es ist ein Schritt auf dem Weg des Abfalls
Was wir gewöhnlich bei 'vom Glauben Abgefallenen' sehen können, ist dass sie eine Zeit lang regelmässig zur Kirche gehen, dann weniger regelmässig, dann gar nicht mehr. Hebräer 10 fordert uns nicht nur auf, regelmässig zusammen mit der Gemeinde anzubeten; wir werden auch gewarnt vor der höllischen Strafe für die, die Christus verlassen und verleugnen. Wenn jemand wirklich ein Christ ist, wird er die Herde nicht verlassen. Diejenigen jedoch, die die Gemeinde verliessen "waren nicht wirklich von uns, denn wenn sie von uns gewesen wären, wären sie nicht weggegangen" (1Joh 2:19).
William Lane schrieb folgendes zu Heb 10:24-25:
Der Schreiber betrachtete das Verlassen der gemeindlichen Versammlungen als äusserst schwerwiegend. Es bedrohte das gemeinsame Leben der Gemeinde und war fast sicher ein Vorbote des Abfalls auf Seiten derer, die sich von der Versammlung entfernten. Die Vernachlässigung des Gottesdienstes und der Gemeinschaft war symptomatisch für ein katastrophales Versagen, die Wichtigkeit des priesterlichen Dienstes Christi und den Zugang zu Gott, den dieser ermöglichte, wertzuschätzen.


Ich bin mir bewusst, dass noch viel mehr zu diesem Thema gesagt werden könnte. Ich weiss auch, dass viele von uns sehr beschäftigt sind und es ihnen schwerfällt, ihre Zeit einzuteilen. Es braucht Verpflichtung, Entschluss, Pflichtbewusstsein und Selbstdisziplin, regelmässig mit Gottes Volk anzubeten. Dies ist etwas, worüber wir alle beten und Gott um Gnade bitten sollten, dass er uns die nötige Hilfe dazu gewährt. Gott sei Dank, dass wir, wenn wir zur Kirche gehen, das Evangelium von Christus hören und erfrischt und erneuert werden in unserem christlichen Glauben!

Da meine Liste oben eigentlich eine negative ist, möchte ich nun gern mit einer positiven Note enden. Indem wir die gleichen Punkte wie oben gebrauchen, können wir in positiver Weise sagen, dass regelmässiger Gottesdienstbesuch (1) Gottes Wille für dich ist, (2) deine Gemeinschaft mit anderen Heiligen stärkt, (3) dir hilft, Gott besser zu lobpreisen, (4) stärkend ist für deinen Glauben, (5) andere Christen erbaut, (6) dir hilft, Satans Attacken auf Distanz zu halten, (7) dich davor bewahrt, vom Weg abzukommen, (8) wahre Frömmigkeit entfacht, (9) die Arbeit des Pfarrers und der Ältesten erleichtert und erfreulicher macht, (10) dir hilft, deine Mitgliedschaftsversprechen zu halten, und (11) ein Zeichen eines starken Glaubens ist.

Wir sehen uns am Sonntag!

Freitag, 16. Mai 2014

Das Sühnopfer Christi

Eine Besinnung auf das Zentrum des Evangeliums

Um einen Kurs vorzubereiten, der Christen helfen sollte, Aussenstehenden das Evangelium zu erklären, machte ich eine Umfrage in christlichen Buchläden und an anderen Orten, wo ich annahm, dass andere Christen anzutreffen sind.
Ich bat die Befragten, mir im Zeitrahmen von etwa einer Minute das Evangelium zu beschreiben.
Das Resultat war vernichtend. Die wenigsten konnten nur annähernd eine richtige Definition geben. Die wenigen, die den biblischen Begriff am Treffendsten widergaben, sagte etwas wie: "Jesus starb am Kreuz für uns."
Ich fragte schliesslich am Anfang des Kurses die Teilnehmer. Das Resultat war ähnlich mager. Und dieselbe Erfahrung habe ich immer und immer wieder gemacht, wenn das Thema  'Evangelium' zur Sprache kam. Ein Grossteil der Christenheit, die bekennt, an Jesus Christus zu glauben, kann zwar sagen: "Jesus Christus starb für mich, für uns…", aber was dies im Einzelnen bedeutet; warum Christus starb, was er damit genau bewirkte und was das für Implikationen hat, können die Allerwenigsten erklären oder gar gegen falsche Ansichten verteidigen.
Im Gegenteil: es kursieren unzählige irrige Meinungen darüber, was Christus durch sein Leben und Sterben beabsichtigte und bewirkte. Die Botschaft, die die Kirche als Evangelium verkündet,  wird dadurch zunehmend unklar.

Es ist darum dringend notwendig, dass wir uns neu darauf besinnen, was uns Gottes Wort über das Sühneopfer Christi lehrt, damit wir das Evangelium in genügend umfassender Weise darstellen können.
Im Folgenden sollen deshalb die Notwendigkeit, die Natur, die Vollkommenheit und die Auswirkungen des Sühneopfers Jesu Christi dargelegt werden.

Die Notwendigkeit des Sühnopfers
Gerade in dem kulturellen Kontext, in dem wir heute leben, ist es wichtig, die Frage nach der Notwendigkeit eines Sühneopfers neu zu stellen. Wir sind uns gewohnt, dass man uns von allen Seiten Programme anbietet, die unsere gegenwärtigen Probleme lösen sollen. Diese Angebote sind durchweg Menschen-zentriert. Das bedeutet, dass sie darauf ausgerichtet sind, die Unzulänglichkeiten zu ergänzen, die Fehler zu beheben, die wir als störend empfinden. Die Lösungen, die angeboten werden, sollen uns in unserem Vorankommen und für unser Wohlbefinden hilfreich sein.
So wird auch von christlicher Seite oft verkündet: „Die Bibel hat Antworten auf alle deine Fragen.“ Das mag ein Stück weit stimmen. Es stimmt aber vorwiegend dann, wenn wir die richtigen Fragen stellen. So müssten wir aus biblischer Perspektive eigentlich vielmehr sagen: „Die Bibel hilft dir, die richtigen Fragen zu stellen.“
So ist eben die Frage nach der Notwendigkeit des Sühneopfers eine solche richtige Frage.
Warum muss es überhaupt ein Sühneopfer geben? Warum musste das sein, dass Gott der Sohn Mensch wurde und an einem Kreuz ausserhalb Jerusalems hingerichtet, eben geopfert wurde?

Der Kern der Antwort liegt in der vollkommenen Verderbnis des Menschen durch die Sünde, dem Abfall des Menschen von seinem Schöpfer. Der Ungehorsam des ersten Menschen, Adam, hat seine ganze Nachkommenschaft mit der Sünde verunreinigt und verdorben, so dass nun alle Menschen in derselben Auflehnung gegen Gottes Autorität und in derselben unheiligen und bösen Haltung gefangen sind. Die Bibel nennt diesen Zustand auch ‚Tod‘. Von Natur aus ist jeder Mensch durch die Folge der Sünde Adams abgetrennt vom Leben Gottes. „Darum, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen“ (Röm 5:12).
Die Auswirkung davon ist, dass kein Mensch mehr die Forderung Gottes erfüllen kann, nämlich gerecht und heilig zu leben, seine Gebote zu halten. „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer; da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der Gott sucht. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer.“ (Röm 3:10-12)

Diesen Zustand hat Gott Adam vorhergesagt, bevor dieser von ihm abfiel. Er hat ihm den Tod als Gericht angekündigt, sollte er von dem verbotenen Baum essen. Gottes Gerechtigkeit und auch seine Glaubwürdigkeit fordern es, dass er dieses Gericht ausführt. Es ist unwiderruflich: Der Mensch, der sündigt, muss sterben. Und weil der Mensch gegen den ewigen Gott gesündigt hat, muss er auch einige ewige Bestrafung, den ewigen Tod, die ewige Trennung von Gott, erleiden. Das fordert wie gesagt Gottes absolute Gerechtigkeit.
Aber Gott hat nicht nur diese Eigenschaft der absoluten Gerechtigkeit. Er ist auch der Gott der Liebe. In seiner Liebe will er nicht alle seine Geschöpfe dem Verderben des Gerichts überlassen, sondern will eine grosse Schar dieser Sünder vor dem ewigen Tod bewahren.

Aus dieser Absicht entsteht nun die Notwendigkeit eines Sühneopfers. Die Frage, die diese Notwendigkeit begründet, ist: „Wie kann Gott in seiner Beurteilung und seinem Handeln gerecht sein und gleichzeitig ungerechte Sünder vor dem gerechten Gericht verschonen?“ Gottes Zorn über die Sünder ist vollkommen richtig und kann nicht aufgehoben werden, indem Gott einfach über ihre Ungerechtigkeit hinwegsieht – aus Liebe sozusagen. Die Liebe Gottes kann nicht seine Gerechtigkeit ausser Acht lassen. Genau genommen kann Gott als Gerechter nur das lieben, was seinem Wesen entspricht, seiner Liebe würdig ist. Damit ein Mensch in diese Form kommen kann, müsste er zuerst vollkommen sein; d.h. dem Willen Gottes für sein Sein und Handeln vollkommen entsprechen. Er müsste nicht nur die ganze Gerechtigkeit Gottes, die in den Geboten ausgedrückt ist, in allem tun, sondern auch in seinem Wesen vollkommen heilig und rein sein. Nichts falsches, nichts Mangelhaftes, nichts Böses dürfte an ihm sein.
Das ist absolut unmöglich, weil – wie wir gesehen haben – das ganze Erbgut der menschlichen Rasse bereits vollkommen verdorben ist. Und kein Mensch ist in der Lage, dies zu reparieren. Wir können unsere Natur nicht zum Guten verändern und können auch nicht die geforderten gerechten Werke tun. Und es ist uns auch nicht möglich, Gottes Zorn in Bezug auf unsere bereits begangenen Ungerechtigkeiten zu besänftigen.
All dies wäre aber notwendig, damit Gott uns als ihm ebenbürtige und seiner Gemeinschaft würdige Geschöpfe annehmen könnte.
Um es noch einmal zusammenzufassen: damit Menschen in die Gemeinschaft Gottes gebracht werden können, ist eine Aktion notwendig, die Gott in Bezug auf unser Wesen und unsere praktische Gerechtigkeit zufriedenstellt. Unsere bestehende Schuld müsste vollkommen beglichen werden und wir müssen in unserem Wesen heilig gemacht und auch befähigt werden, unser Leben vollkommen nach Gottes Willen zu führen.

Das Dilemma, in dem wir allein in Bezug auf unsere verdiente Strafe für unsere Schuld stecken, wird kaum an einem Ort so treffend beschrieben als im Heidelberger Katechismus in den Fragen und Antworten 12-14:
F: Wenn wir also nach dem gerechten Urteil Gottes schon jetzt und ewig Strafe verdient haben, wie können wir dieser Strafe entgehen und wieder Gottes Gnade erlangen?
A: Gott will zu seinem Recht kommen, darum müssen wir für unsere Schuld entweder selbst oder durch einen anderen vollkommen bezahlen.
F: Können wir aber selbst für unsere Schuld bezahlen?
A: Nein, sondern wir machen sogar die Schuld noch täglich größer.
F: Kann aber irgendein Geschöpf für uns bezahlen?
A: Nein, denn erstens will Gott an keinem anderen Geschöpf strafen, was der Mensch verschuldet hat. Zweitens kann kein Geschöpf die Last des ewigen Zornes Gottes gegen die Sünde ertragen und andere davon erlösen.

Der Katechismus führt mit diesen Fragen zu eben dieser Tatsache, dass wir jemanden brauchen, der für uns vermittelt. Konkreter ausgedrückt: wir brauchen jemanden, der die Ansprüche Gottes für uns, an unserer Stelle erfüllt.
Was kein Geschöpf für uns übernehmen konnte, hat Gott der Sohn selbst übernommen, indem er Mensch wurde und als solcher die ganze göttliche Gerechtigkeit, die von einem jeden Menschen gefordert ist, erfüllt hat. Und indem er stellvertretend die Strafe für die Sünde trug, die Gottes Zorn über die Menschen hervorgerufen hat.

Die Natur des Sühnopfers
Wir können nicht die Notwendigkeit des Sühneopfers behandeln, ohne auf dessen Natur oder Wesen zu sprechen zu kommen. Die Frage: „Warum brauchen wir ein Sühneopfer?“ führt zu der Frage: „Wie muss das Sühneopfer beschaffen sein, dass es die Anforderungen erfüllt, die Gott an uns stellt?“
Was wir bereits erkannt haben, ist dass kein Mensch in der Lage ist, eine Erlösung bereitzustellen, die der göttlichen Forderung gerecht wird. Der sündige Mensch ist nicht fähig, zu erkennen, dass er Erlösung braucht, und erst recht nicht, wie eine solche Erlösung aussehen könnte.
Gott allein weiss das. Und er ist in der Tat derjenige, der dem Menschen unmittelbar nach dessen Fall in die Sünde sein Problem zu erkennen gab, die Lösung dazu bekannt gemacht und den Erlöser angekündigt hat. Das Sühneopfer Christi ist ganz und gar Gottes Design.

In der Hauptsache hat Gott die Erlösung der Sünder durch ein stellvertretendes Opfer offenbart und durchgeführt. Den ersten Hinweis auf dieses Opfer finden wir bereits in 1Mo 3:15, wo gesagt wird, dass der Erlöser, der der Schlange den Kopf zertreten wird, seine Ferse opfern wird. Und im folgenden V. 21, wo es heisst, dass Gott die Blösse der Sünde von Adam und Eva mit Fellen von Opfertieren zudeckte. Von Adams Sohn Abel lesen wir, dass er Gott ein Opfertier darbrachte, in dem Bewusstsein, dass es ein solches sein muss, das für seine Sünde sühnt. Heb 11:4 gibt ihm das Zeugnis, dass er im Glauben handelte, worauf ihm dieses Opfer Gerechtigkeit bei Gott einbrachte. Das Opfer für Adam und Eva und Abels Opfer sind sozusagen Prototypen für alle folgenden Tieropfer, die im Gesetz Moses vorgeschrieben waren, durch welche dem Volk Gottes das endgültige Opfer Christi vorabgebildet wurde.
In ihrem Wesen waren diese vorbildhaften Opfer dasselbe wie das Sühneopfer Christi, nämlich eine stellvertretende Hinrichtung an des Sünders statt.
Indem Gott zuerst vorbildhaft selber ein Opfer für den ersten Sünder brachte und anschliessend Opfer für Sünde verlangte, hat er gezeigt, dass er als gerechter Richter die Sünde auf jeden Fall bestrafen muss und wird, nämlich mit dem Tod. Und er zeigte auch, dass er einen stellvertretenden Tod akzeptiert.

Das Gesetz Gottes sagt: Der Mensch, der sündigt, muss sterben. Wenn Gott nun einen Stellvertreter für diesen Menschen akzeptiert, muss dieser stellvertretend den Tod erleiden.
Genau das hat Christus getan, indem er die Stelle der Sünder einnahm, die Gott retten wollte.
Er wurde an unserer Stelle zum Sünder gemacht (2Kor 5:21). Das heisst, dass ihm nicht nur die einzelnen sündigen Taten dieser Menschen, sondern auch ihre sündige Natur und alle nicht erfüllten guten Werke angerechnet wurden, als er ihre Strafe trug. Das heisst: Christus nahm die Identität „Sünder“ an und wurde entsprechend behandelt.
Nur durch diese Art der Stellvertretung kann Gottes Gerechtigkeit überhaupt erfüllt werden. Nur sie kann Grundlage für die wahre Erlösung sein. Damit Gott Sündern ‚vergeben‘ kann, muss seiner Gerechtigkeit Genüge getan werden. Gott vergibt nicht, indem er einfach die Augen zudrückt und sagt: „…ist nicht so schlimm, was du getan, wie du gelebt hast – ich verzeihe dir…“ Sondern er rechnet die Sünde nicht mehr an, weil sie gesühnt ist, weil die gerechte Strafe dafür tatsächlich ausgeführt ist. Die Versöhnung mit Gott geschieht so, „dass Gott in Christus war [als er ihn anstelle der Sünder strafte] und die Welt mit sich selbst versöhnt hat, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnete“ (2Kor 5:19).

Die Vollkommenheit des Sühnopfers
Unter diesem Punkt wollen wir vor allem auf die Frage eingehen, was das Sühneopfer Christi für Auswirkungen hat.
Die Bibel lehrt, dass das Opfer Christi ein vollkommenes Opfer ist. Das ist es in zweifacher Weise: Erstens bewirkt es das, was die unter den alten Bund verordneten Tieropfer nicht vollbringen konnten, nämlich Sünder von ihrer Sünde zu reinigen:
Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich darbringen, die Hinzunahenden für immer vollkommen machen. (Heb 10:1) ... denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden hinwegnehmen. (Heb 10:4)
Die Tieropfer waren, wie wir das schon erläutert haben, lediglich ein Schatten, ein Vorbild des Kommenden, des vollkommenden Opfers Christi:
Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht. (Heb 10:14)
Die Tieropfer konnten dies nicht vollbringen, weil sie nicht die Voraussetzungen erfüllten, die Christus erfüllt hat. Nämlich dass er vollkommener Mensch war, der das göttliche Gesetz in allem erfüllte. Er war der erste und einzige Mensch ohne Sünde, vollkommen rein und heilig. Als solchem konnte Gott ihm die Sünde der Erwählten aufladen (anrechnen) und er konnte in vollkommener Weise für sie die Strafe erleiden. Weil durch ihn die Strafe tatsächlich und in vollem Ausmass bezahlt wurde, muss und wird sie den betreffenden Menschen nun nicht mehr auferlegt werden. Dies ist sozusagen eine passive Form der Erfüllung des Sühneopfers.

Zweitens bewirkt das Sühneopfer das, was das Gesetz nicht vollbringen konnte: Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte,  damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt wird in uns (Röm 8:3-4).
Das Gesetz fordert vollkommene Gerechtigkeit, die vollkommene Erfüllung von Gottes Willen. Es kann aber nicht bewirken, dass ein Mensch das auch tun kann, was es verlangt. Dazu fehlt ihm die Kraft, da er durch die Macht der Sünde geknechtet ist.
Durch sein Sühneopfer hat Christus nicht nur den Göttlichen Zorn über die Sünde ertragen und damit die Schuld gegenüber Gott beglichen, sondern er hat auch die Macht der Sünde gebrochen. Derjenige, dem das Opfer Christi gilt, ist nun befreit, den Göttlichen Willen zu tun.

Das Sühneopfer Christi ist in dem Sinn vollkommen, dass es ein wirksames Opfer ist. Es bewirkt all das, wozu es Gott entworfen und eingesetzt hat.
Es stillt den Zorn Gottes über die Rebellion und den Ungehorsam des Menschen. Und weil es die Sünde vollkommen weggenommen hat, befreit es auch von ihrer knechtenden Macht.
Um es in biblischen Begriffen auszudrücken: das Sühneopfer Christi bewirkt beides, Rechtfertigung und Heiligung der Erwählten.
Dies steht im Gegensatz zu der Römisch-Katholischen Lehre, die besagt, dass das Opfer Christi lediglich von der Erbsünde befreien würde, und dass die sogenannten „tätlichen Sünden“ anschliessend noch durch „Werke der Busse“ gesühnt werden müssten. Die Bibel widerspricht dem eindeutig: Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht (Heb 10:14).

Die vollkommene Rechtfertigung und Heiligung ist aber nicht in der Weise geschehen, dass die Heiligen faktisch schon heilig wären. So als ob Christi Gerechtigkeit und Heiligkeit ihnen mittels einer sogenannten „Infusion“ gegeben wäre. Sie sind nicht in ihrem ganzen Wesen bereits gerecht und heilig, sondern sie sind ‚gerechtfertigt‘ und werden ‚geheiligt‘.
Die Rechtfertigung ist eine forensische (oder gerichtliche) ‚Gerechtsprechung‘. Gott hat die betreffenden als gerecht erklärt, indem er ihnen Christi Gerechtigkeit anrechnet, nachdem er ihm ihre Ungerechtigkeit angerechnet hat. Heiligung bedeutet in dem Zusammenhang, dass sie erst noch heilig gemacht werden, indem sie fortwährend in das Ebenbild Christi umgewandelt werden. Die vollkommene Heiligkeit ist erst sichtbar, wenn wir am Ende der Zeit, in der Erfüllung aller Dinge mit Christus vereint sind in seiner Wiederkunft (1Joh 3:2).
Das Sühneopfer Christi ist vollkommen, weil er in seinem Erlösungswerk bereits alles für uns erworben hat. Es muss nichts mehr von menschlicher Seite hinzugetan werden.
Christus hat Sünder, die von Natur mit Gott verfeindet waren, mit ihm versöhnt. Definitiv. Es gibt keine Verdammnis mehr für die, die ‚in Christus‘ sind (Röm 8:1). Das Opfer Christ bewirkte, dass diese von Gott neu geschaffen sind. Sie sind eine ewige Schöpfung, die durch nichts mehr zerstört werden kann. Sie sind ausserdem befähigt, mehr und mehr in ihrem Wesen und Handeln Christus zu gleichen.
Gottes (neue) Schöpfung ist vollkommen, weil das ‚Mittel‘ dazu, Christus und sein Erlösungswerk, vollkommen ist.

Der Umfang des Sühnopfers
Die Frage nach dem Umfang des Sühneopfers ist einfach: „Für wen gilt das Sühneopfer? Für wen ist Christus gestorben?“
Auf diese Frage werden in der Christenheit grundsätzlich zwei verschiedene Antworten gegeben. Die Einen behaupten: „Christus ist für alle Menschen gestorben.“ Um dies zu belegen werden Bibelpassagen zitiert wie z.B.: Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt (1Joh 2:2). Was man dabei übersieht, ist dass diese Aussage vorwiegend auf dem Hintergrund der Unterscheidung zwischen Juden und Heiden gemacht wurde (‚unsere Sünden‘ sind die der Juden, ‚die der ganzen Welt‘ sind die aller anderen).  Ausserdem werden solche aus dem Zusammenhang genommenen Stellen nicht der gesamtbiblischen Lehre von der Versöhnung gerecht, die wir oben dargelegt haben.
Es wird argumentiert, dass Christus zwar für alle gestorben sei, aber nicht alle in den Genuss der Sühne kommen, weil sie nicht glauben.

Wenn wir aber die obengenannten Aspekte der biblischen Lehre über das Sühneopfer; Notwendigkeit, Wesen und Vollkommenheit, berücksichtigen, kommen wir nicht darum herum zu erkennen, dass Christus für eine ganz bestimmte, von Gott vordefinierte Gruppe starb.
Damit jemand wirklich vor Gott gerechtfertigt und geheiligt ist, braucht es ein Opfer, das ihn tatsächlich von seiner Sünde reinigt. Die Bibel lehrt, dass das tatsächlich und effektiv geschehen ist. Der Sünder braucht eine wirksame Erlösung, die nicht nur ein Angebot ist, durch dessen Annahme er sich sozusagen selbst befreit. Christus muss meine Sünde tatsächlich tragen (biblisch ausgedrückt: an meiner Stelle zur Sünde gemacht werden), damit sie wirklich von mir genommen ist. Und wenn das ‚für mich‘ geschehen ist, dann ist es eine Realität, die ich nicht erst aktivieren muss. Wenn Gott etwas für mich getan, ja mich neu geschaffen hat, dann kommt diese Realität in meinem Leben zum Tragen. Wenn man sagen würde: „Christus ist für mich gestorben“ und ich dann dadurch nicht wirklich gereinigt und gesühnt bin – was das erklärte Ziel Gottes mit dem Sühneopfer ist (Jes 53:10-11) – dann wäre ja Christi Opfer nicht wirksam für mich; das würde heissen: Gott hat sein Ziel nicht erreicht. Dieser Gedanke ist des allmächtigen Gottes nicht würdig.

Als Jesus in seinem Hohepriesterlichen Gebet für seine Jünger betet, schaut er zurück auf den Plan, den sein Vater mit ihm und für ihn gefasst hat. Er spricht mehrfach von den Jüngern und denen, die durch sie zum Glauben kommen, als von einer Gruppe Menschen, die Gott ihm gegeben hat, damit er für sie hingehe und sterbe und sie so zum Heil führe:
Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche, wie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, daß er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe (Joh 17:1-2).
 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben (Joh 17:6).
Schon einige Kapitel vorher merkte er an, dass er sein Leben für seine Schafe geben würde (Joh 10:11). Dies nachdem er immer wieder betont hatte, dass es solche gibt, die zu seinen Schafen gehören und solche, die es nicht tun. Diejenigen, die es nicht sind, sind es deshalb nicht, weil der Vater sie nicht dazu bestimmt hatte. Z.B.: aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen (Joh 10:26). Folglich ist er auch nicht für diese gestorben.
Ganz besonders deutlich kommt die Lehre von dem bestimmten Sühneopfer in Röm 8:28-30 zum Ausdruck.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind. Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.  Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.

Viele von uns lernten schon sehr früh die erste Hälfte von Vers 28 auswendig: „Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten Dienen…“ Was wir oft übersehen, ist die nachfolgende Erklärung, wer diese Menschen sind, die Gott lieben. Es sind diejenigen, die er zum Heil vorherbestimmt hat – also dazu, dass Christus für sie stirbt und damit bewirkt, dass sie „dem Bilde seines Sohnes gleichförmig“ gemacht werden.
Ganz deutlich lehrt uns Paulus in diesem Abschnitt, dass das Sühneopfer Christi und seine Auswirkungen sozusagen ein Paket sind, das nicht auseinandergenommen werden kann. Wenn wir Vers 30 genau lesen, erkennen wir, dass hier mehrere Satzteile mit Aussagen über das Heil durch Relativpronomen zusammengehängt sind: Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.
Hier wird eigentlich die gesamte biblische Lehre von der Erlösung in einem Satz zusammengefasst. Wenn wir die Aussagen darin in mehreren Sätzen wiedergeben, könnten wir es so formulieren: Gott hat sich von Anfang an, vor Erschaffung der Welt (Eph 1:4) ein Volk erwählt, das er von ihren Sünden retten wollte. Er hat sich dazu ein Sühneopfer bestimmt, das ihre Unreinheit und Ungerechtigkeit stellvertretend auf sich nimmt und den Zorn und Fluch Gottes darüber erduldet. Durch dieses Opfer rechtfertigt er dieses Volk und heiligt und verherrlicht es. Das Sühneopfer ist für dieses bestimmte Volk notwendig und auch wirksam.

Für Menschen, die nie an Christus glauben werden, und die deshalb auch nie gerechtfertigt und geheiligt werden, muss kein Opfer gebracht werden. Es ist nicht notwendig.
Christus hat keinen Tropfen seines teuren Blutes unnötig vergossen. Auch ist sein Opfer nicht für viele Menschen unwirksam geblieben – was diejenigen glauben müssen, die sagen, Jesus sei für alle Menschen gestorben, sein Tod würde nur nicht für alle zur Wirkung kommen.

Zusammenfassung
Das Sühneopfer Christi ist ein grosses Thema mit so vielen Aspekten, dass wir es unmöglich in einem Artikel, ja nicht einmal in einem einzigen Buch umfassend beschreiben können.
Meine Hoffnung ist, dass wir die wichtigsten Antworten auf die Frage: „Was ist die zentrale Lehre des Evangeliums in Bezug auf das Sühneopfer Christi?“ gefunden haben.
Das Sühneopfer Christ ist notwendig, weil Gott zu Recht zornig ist über die Sünde seiner Geschöpfe. Wir haben seine Heiligkeit beleidigt und uns gegen sein Gesetz, und damit gegen ihn selbst, aufgelehnt. Diese Rebellion und die daraus folgende Sünde muss gestraft werden, damit Gottes Gerechtigkeit Genüge getan wird.
In seiner Natur muss das Sühneopfer so beschaffen sein, dass es stellvertretend die Sünde der Menschen tragen kann. Gottes Sohn wurde (vollkommener) Mensch, damit er eben diese Anforderung erfüllen kann. Die Sünde, durch den Menschen begangen, wird somit im Menschen bestraft.
Das Sühneopfer Christi ist vollkommen. Es ist wirksam und versöhnt tatsächlich. Es rechtfertigt und heiligt die Menschen, für die es gebracht wurde.
Und es ist begrenzt in dem Sinn, dass es für die Menschen gebracht wurde, die Gott von Anfang an retten, rechtfertigen und heiligen wollte.
Das ist das Evangelium, das wir verkündigen müssen.


Sonntag, 21. Juli 2013

Der Verzicht auf Theologie

Eine der Besorgnis erregenden Tatsachen der christlichen Gemeinde heute ist meines Erachtens ihr Bestreben, ihren "Gottesdienst" und die Präsentation oder Verkündigung des christlichen Glaubens zu gestalten, indem möglichst auf Theologie verzichtet wird.

 Immer wieder wird mir entgegengehalten, dass ein schriftlich verfasstes Bekenntnis überflüssig oder gar gesetzlich sei. Die Tendenz, dass Gottesdienste als Veranstaltungen zur Unterhaltung umgestaltet werden, nimmt immer noch zu. Man meint offenbar, dass Menschen eher für den Glauben gewonnen werden, wenn man ihnen möglichst wenig Lehre zumutet. Ich möchte hier nicht eine Erklärung dafür geben, was die Gründe für eine solche Einstellung unter heutigen Christen sind, oder warum es soweit gekommen ist. Vielmehr möchte ich in der gebotenen Kürze in einigen Punkten aufzeigen, warum eine Trennung von praktischem christlichem Leben und systematischer Lehre (Theologie) ein Widerspruch in sich selbst ist.

 Lassen Sie mich mit einem Beispiel beginnen: Stellen Sie sich vor, eine Gruppe von zufällig zusammengelaufenen Ignoranten, die nie eine Schule besucht haben, und die absolut nichts von Architektur, Statik, Elektrotechnik, Geologie, usw. verstehen, wollen ein Haus bauen. Sie sind nicht nur ohne jede Kenntnis der genannten Wissenschaften, sie wissen logischerweise auch nicht, wer am Besten welche Aufgabe übernimmt. Jeder fängt einfach an, irgendetwas zu tun. Eine solche Gruppe von Leuten wird nach einer kurzen Zeit der planlosen Aktion – falls sie nicht einfach ihr Projekt wieder aufgeben – anfangen darüber zu debattieren, wie ihre Arbeit am Besten zu tun wäre, wer welche Tätigkeit ausführen soll, usw. Wenn wir dieses Beispiel auf die Gemeinde übertragen, würden wir sagen: "Sie beginnen, sich über Lehre Gedanken zu machen."

 Jede praktische Tätigkeit benötigt Kenntnisse des Feldes der Tätigkeit. Wollten wir sogenannt 'praktisches Leben' gegen Lehre darüber ausspielen, ist das dasselbe, als wollten wir den Körper vom Geist abtrennen. Und wenn wir – wie das oft getan wird – sagen: "Wir brauchen keine systematische Lehre, wir brauchen nur die Bibel", dann widersprechen wir der Bibel selbst. Und wir berauben uns der Hilfe, die die zusammengefassten Lehraussagen der Bibel uns für unser Leben bieten.

 Ist es nicht so: wer systematische Belehrung ablehnt und vernachlässigt, wird mit der Zeit auch die Bibel selbst, und später, als logische Folge, auch sein geistliches Leben vernachlässigen und verlieren. Fragen Sie zum Beispiel einmal ein Ehepaar, das mit einer zerrütteten Ehe in die Seelsorge kommt, danach, ob sie sich der regelmäßigen Verkündigung und Lehre einer Gemeinde und dem gemeinsamen persönlichen Bibelstudium widmen... Das wird gewöhnlich verneint.

 Lehre und Leben kann nicht unter Berufung auf die Bibel getrennt werden. Im Gegenteil: Die Bibel als Gottes Bibliothek seiner Selbstoffenbarung ist DAS Lehrbuch über das Leben. Die Bibel gibt Lehre zum Leben. Sie tut das hauptsächlich auf drei Arten:

- Narrativ (d.h. in Form von Erzählungen, die dann vom Leser geistlich gedeutet werden).
- Gegenständlich (d.h. in Form von Typen, Gleichnissen, Beispielgeschichten).
- Doktrinal (direkte Vermittlung von Lehre)

 Die Bibel will als Lehrbuch verstanden werden. Die Propheten und Apostel fordern ständig dazu auf, aus der biblischen Geschichte Schlüsse zu ziehen, was nichts anderes ist, als (systematisch) Lehre zusammenzufassen. Wir sollen eine Lehre über Gott (sprich 'Theologie") erkennen und festhalten, damit wir entsprechend Gottes Willen handeln (praktisch leben) können. Ich möchte dieses Argument in zwei Abschnitten zusammentragen. Dazu möchte ich zuerst die Notwendigkeit der Offenbarung Gottes begründen und dann zeigen, wie Gott es unternommen hat, sich selbst zu offenbaren:

 A Die Notwendigkeit der Offenbarung Gottes
Gott muss von uns Menschen erkannt werden. Gott ist der Schöpfer allen Lebens, ja er ist selbst das Leben. Ohne ihn gibt es kein Leben. So hängt unser Leben daran, dass wir Gott erkennen. Wir sind geschaffen, um Gott zu lieben und ihn anzubeten. Wie können wir lieben und anbeten, was wir nicht kennen? Eine Frau, die vorsätzlich darauf verzichten will, ihren Mann zu kennen, wird ihn nicht lieben. Unsere naturgemäße Ausgangslage als sündige Menschen ist aber so, dass wir Gott nicht lieben. Wir sind ihm entfremdet und unter seinem gerechten Zorn. Darum müssen wir mit ihm versöhnt werden.

Gott offenbart sich selbst in seinem Wort als unser Retter:
Adam rettet er vor den direkten Folgen der Sünde und gibt ihm die Ur-Verheissung der Rettung (Gen 3:15).
Noah rettet er vor der Flut, die kommt, um die Sünder wegzuspülen.
Abraham rettet er vor dem Götzendienst und lehrt ihn, wie er Gott richtig anbeten kann - nämlich durch den Glauben (Gen 15:6).
Israel rettet er vor der Gefangenschaft und Fremdherrschaft, die ein Bild der Herrschaft der Sünde darstellt.
Durch David verheißt er seine gute Herrschaft.
Durch Salomo verheißt er seinen Frieden.

All diese Vorbilder erfüllen sich schließlich in Jesus, dem versprochenen Christus. Es ist für das Volk Gottes notwendig, diese Tatsachen zu kennen und anzunehmen und sie im Herzen festzuhalten. Die Kirche erfüllt ihren Auftrag dadurch, dass sie diese Heilstatsachen verkündigt und systematisch lehrt, damit die, die glauben, dadurch leben.

 B Der Weg der Offenbarung Gottes
So findet die Offenbarung Gottes ihren Weg zu den Menschen. Die Kirche hat nicht den Auftrag, es den Leuten angenehm zu machen, sich in ihrer Mitte aufzuhalten, indem sie sie optimal unterhält. Es ist der Auftrag der Kirche, Gottes Offenbarung zu bewahren und weiterzugeben. Dies geschieht in drei Richtungen:

 Die erste ist die Erinnerung des Volkes Gottes an die Heilstatsachen. Das geschieht zuerst dadurch, dass das Wort verkündet wird und die Sakramente gebraucht werden. Die Wortverkündigung ist die Erklärung der biblischen Botschaft, sie soll so geschehen, dass die Lehre der Bibel verstanden wird und dass Gottes Willen entsprechend gelebt werden kann.
Die Sakramente sind bildhafte Verkündigung (Belehrung). Auch sie tragen dazu bei, dass die Heilstatsachen verstanden werden können.

 Die zweite Richtung ist die Belehrung der Kinder. Dies geschieht ebenfalls in Sakrament und Wort. Sie werden getauft, weil sie zusammen mit ihren Eltern in Gottes Bund eingeschlossen sind. Und dann werden sie ebenfalls belehrt über das Heil.

 Die dritte Richtung ist die Information und Erklärung über Gottes Selbstoffenbarung an Aussenstehende. Diese geschieht vorwiegend durch das Wort Gottes. Der Glaube kommt durch das gehörte Wort Gottes. Auch hier ist Belehrung notwendig. Jede Erklärung der Heilstatsachen der Bibel ist Belehrung über Gott, also Theologie.

 Dieser Auftrag der Belehrung in diese drei Richtungen ging an die ganze Kirche. Um den Auftrag der Belehrung der ganzen Gemeinde zu erfüllen, so sagt der Apostel Paulus, wurden uns Propheten, Apostel, Evangelisten, Hirten und Lehrer gegeben (Eph 4:11ff).

Der Auftrag, die Kinder zu belehren, geht im Besonderen an die Eltern. Und der Auftrag, Außenstehende über das Heil zu belehren, geht nicht nur an Verkündiger, sondern (in einem bestimmten Mass) auch an jedes Glied der Kirche. Das Ziel aller Lehre (Theologie) ist, dass Gott in Christus verherrlicht wird. Jede gesunde Lehre formt schließlich den Menschen so, dass dies verwirklicht wird.
Darum ist Lehre über Gott (Theologie) unverzichtbar!